做作,坐作 | On Sitting and Setting | Deutsch

 

 

 

 

 

 

 

Die Wortspiele kamen mir, während ich viele Stunden vor meinem Laptop saß, mit gegen Sibelius (die einst ‚hotteste‘ Notation-Software) ringend um eine ordentliche Partitur – so gut es ging. Die Arbeit war peinlich penibel, aber leider unbedingt notwendig: Die Uraufführung wurde in den USA aufgeführt und ich hatte nur wenig Probezeit mit den Musikern vor dem Konzert. Ich realisierte, dass ich mehr Stunden für das Partitur-Putzen aufwendete als für die Weiterführung der Komposition. Naja, das verstehen manche in der Neuen-Musik-Szene auch als “Komponieren”.

Manche meiner Kollegen behaupten, dass Technik eine einzige Spaßbremse ist und man mit ihr nicht in einen kreativen Flow kommt. Ich sehe es nicht ganz so wild. Aber wenn mir eine Idee kommt und ich sie festhalten möchte und es erstmal aufwendiger Logistik dafür bedarf, nervt mich das dann auch. Aber es hilft nichts. Auch wenn der Abstand zwischen den Systemen und zwischen den Noten dank Sibelius’ “Magic Layout” sich nicht ändern lassen möchte, „The piece must go on“.   (It’s not a bug, it’s a feature. Wirklich.)

Meistens kommen mir meine Kompositionsideen aber, wenn ich nicht vor meinem Computer sitze, kein Papier zur Hand habe oder irgendein Schreibgerät zugänglich ist. Meistens kommen sie mir, wenn mein inneres Ohr die Umgebung als ruhig empfindet: also im Zug, schlaflos im Flugzeug, am Gleis auf die „Delayed Bahn“ wartend… (Ich bin nicht allein, oder?)  Vielleicht liegt es einfach daran, dass man durch das Fehlen von Notenpapier (sowohl digital als auch analog) im Kopf freier ist. Trotzdem ist es schöner, wenn man dann endlich den richtigen Klang gefunden hat, es auch mitteilen zu können.

Na klar, mit dem Willen zum Mitteilen kommt auch das Problem der Notation, deren zähe Art und Weise schon einen wichtigen Platz im Kompositionsprozess hat. Es ist unablässiges, oder wie mancher sagen würde, unnötiges Leiden. Ich finde es aber sehr spannend, dass beispielsweise ein kleiner Unterschied in der Dynamik die ganze Stücksemantik ändern kann. Die Musikwissenschaft hat verbissen über Akzentuierung in Schuberts Klavierstücken diskutiert. Mit glücklichem Ende! Diese kleinen, arbeitsintensiven Momente bedeuten große Unterschiede, an denen wir uns oft begeistern und die dazu führen, dass wir die Musik immer und immer wieder hören.

Ich wollte deshalb unbedingt wissen, warum die chinesische Sprache kein 做曲 ( wörtlich: „Musik machen“) benutzt, um Komponieren zu beschreiben, sondern 作曲. Oder ist „Musik machen“ reserviert für ausführende Musiker? (Oder gar ein schlechter Scherz?) Zumal 作 „Opus“ heißt, und 曲 „ein Musikstück“, also beides Substantive sind… Warum nicht 坐曲 („sich setzen, um Musik aufzusetzen“)?

Das Wort 坐 (“sich setzen”) kann auch als „bleiben“ übersetzt werden. Manche Chinesen sagen: 坐坐坐—“Sitzt, sitzt, sitzt“—wenn sie Besucher vom Gehen aufhalten wollen. Obwohl es so scheint, als dass man den Gästen anbietet sich zu setzen, bedeutet es eigentlich, dass man länger bleiben soll. (Aus diesem Grund ist der Abschied unter Chinesen immer lang, ein bisschen schwerfällig, und manchmal stundenlang vor der Tür…)

Ebenso könnte 坐曲 eine ähnliche  Bedeutung übernehmen: bei der Musik bleiben, in dem Kampf des Schaffensprozesses bleiben, meditieren, zuhören, verbessern, etwas zum Ziel bringen: 作曲. Ist es nicht viel spannender, wenn wir schaffen statt, dass wir einfach etwas fertigen. Und auch nicht, wenn es in dem Dünkel der „Neuigkeit“ entsteht. „There are no new sounds, but always new ways of listening.“ So sprach einst Lachenmann.

Also werde ich mich hinsetzen, wo auch immer ich sein werde, und meine Musik in ein Stück setzen bis es ein Musikstück ist. Und glücklich sein.

Haosi Howard Chen

Haosi Howard Chen, 1991 in Shanghai (China) geboren, zog 2001 mit seiner Familie in die USA. Er studierte im Bachelorstudium „Komponieren“ an der University of California (Los Angeles) bei Eric Tanguy und Ian Krouse, sowie Klavier bei Walter Ponce und Antoinette Perry. Nach dem Studium arbeitete er drei Jahre als Musiktheorie-Lehrassistent.
Während der Darmstädter Ferienkurse 2016 nahm er an Kompositions-Seminaren bei Mark Andre und Brian Ferneyhough teil. Er erhielt Kompositionswettbewerb-Preise der „Hugo Davis Student Composer Competition“ sowie „IVC Composition Competition“ und das „Herbert E. Wise Composition Scholarship“. Im Oktober 2016 ist er nach Deutschland gezogen, um sein Masterstudium weiterzuführen.

Die Redaktion von „Musik – mit allem und viel scharf“ lernte er bei den Donaueschinger Musiktagen kennen.

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