Andrea Chénier Programmheft in leichter Sprache

Wir müssen euch etwas beichten: Auch wir verstehen nicht jeden Satz in den Programmheften dieser Kulturwelt. Daher starten wir hiermit eine neue Reihe: Dramaturg – Deutsch; Deutsch – Dramaturg. Ausschnitte aus Programmheften, die in leichte Sprache übersetzt wurden.


Bayerische Staatsoper: „Andrea Chénier“

Auszüge aus dem Programmheft sind grün hervorgehoben.

“Dass der Komponist hierbei die Realität menschlichen Erlebens im Kontext von gesellschaftlichen Zusammenhängen suchte und authentische Menschen abbildete, ist auch als extremer Gegenpol zu Richard Wagners mythisch metaphorischer Welt mit ihrem riesenhaft überhöhten Figurenpersonal zu verstehen.”

Richard Wagner ist ein sehr berühmter Komponist. Er hat besonders viele Opern geschrieben. In diesen Opern spielen oft Götter, Ritter oder Drachen eine wichtige Rolle. Ein bisschen erinnern euch seine Werke deshalb vielleicht an „Der Herr der Ringe“ oder „Game of Thrones“.

Herr Giordano (der Komponist von Andrea Chénier) will in seiner Oper aber etwas ganz anderes zeigen: Er will keine allmächtigen Götter oder strahlenden Ritter, denn im echten Leben gibt es die ja eigentlich nicht. Stattdessen möchte er lieber die Menschen so zeigen, wie sie wirklich sind – ohne Drachen und andere Monster. Er will eben die vielen kleinen einzelnen Menschen zeigen, die ein Ereignis erst zu dem machen, was es dann ist. Diese Menschen versteht Herr Giordano nämlich besser als die strahlenden Ritter aus den Opern von Richard Wagner.

“Mascagni entwickelte nun auf der Grundlage einer produktiven Rezeption des literarischen Verismo eine das italienische Musiktheater nachhaltig beeinflussende musikalische Dramaturgie: harte Schnitte und schroffe Kontraste; eine Verknappung und Intensivierung der Konflikte und Spannungen; die Auflösung tradierter musikalischer Form angesichts einer alles dominierenden Gefühlsemanation in eine Folge disparat-kontrastierender Segmente; die Ausdifferenzierung der Gesangslinie, die den kleinsten Gefühlsnuancen nachzuspüren vermag und sich andererseits in einem realistischen Sinne dem Sprechen annähert, so das Gesang in eine “form del grido”, in Rufen und Schreien, umschlägt; schließlich die Nutzung von Klängen der Realität wie (Volks)lieder und -tänze, religiöse Tonfälle wie Choräle und Orgelklang und deren Interpolation als Allusionen oder direkt erkennbare Zitate in einen musikalisch avancierten Tonsatz, um der Musik ein realistisches Fundament zu geben.” (Ja, das war wirklich nur EIN SATZ)

Auch Herr Mascagni war ein bekannter Komponist aus Italien. Er kannte sich gut in Literatur und Musik aus. Dieses Wissen konnte er nutzen, um die Oper in Italien weiterzuentwickeln: Mascagni möchte, dass die Stimmungen in der Musik sich schneller ändern; er will die Handlungen verkürzen und so dafür sorgen, dass die Opern nicht zu schnell langweilig werden. Dieses Ziel versucht er außerdem dadurch erreichen, indem er seine Musik anders klingen lässt als es in Italien Tradition ist. Die Noten des Sängers will er so schreiben, dass der Zuhörer genau merkt, was der Sänger gerade fühlt und dass sie fast so klingen, als würde der Sänger sprechen – und nicht singen.

Mascagni möchte also, dass es auf der Opernbühne etwas mehr zugeht wie im echten Leben: Dass der Operngesang etwas mehr nach normalem Sprechen klingen soll, ist nur der Anfang. Der Komponist verwertet auch Volkslieder (so ähnlich wie Popsongs), die man damals aus dem Alltag kannte, oder er nutzt Klänge, die man aus einem ganz anderen Zusammenhang kennt. – Zum Beispiel schafft der Komponist es, indem er viele Orchesterinstrumente gleichzeitig lange Töne spielen lässt, den Klang einer Orgel zu erzeugen. Wenn man diesen Klang hört, erinnert einen das natürlich an Kirchen und Gottesdienste und genau das will Mascagni erreichen: Dass sich das Publikum an das echte Leben, den Alltag, erinnert fühlt.

“Die historische Faktizität mit Blick auf den Dichter Andréa Chénier stellt ein singuläres Charakteristikum des Librettos von Luigi Illica im Kontext des Verismo dar; zugleich geht der Librettist darüber hinaus, wenn er die ästhetischen und poetologischen Positionen des Dichters zur Konzeption der Opernfigur nutzt.”

Luigi Illica ist der Schriftsteller, der das Drehbuch für die Oper Andrea Chénier geschrieben hat. Er hat zu einer Zeit gelebt und gearbeitet, die man heute “Verismo” nennt. Das ist etwa 200 Jahre her. In dem Drehbuch schreibt Luigi Illica oft über Geschehnisse, die in der Vergangenheit in echt passiert sind.

Die Oper Andrea Chénier handelt von einem Mann, der genauso heißt – also ist die Oper nach ihm benannt. Diesen Mann hat es übrigens wirklich gegeben – er ist nicht erfunden. Trotzdem verändert der Schriftsteller Luigi Illica die Figur ein wenig, damit sie besser in das Stück passt und interessanter wirkt.

“Ruggero Leoncavallo beschäftigt sich in seinem vielgestaltigen Œuvre mehrfach mit den Möglichkeiten musikalischer Vergegenwärtigung historischer Sujets und entwickelte daraus das für die veristische Oper prägende dramaturgische Prinzip des Zitats historischer Musik, die dem Tonsatz nicht länger implantiert ist, sondern sich als dessen Substanz erweist.”

Ruggero Leoncavallo ist noch ein italienischer Komponist, der etwa zur gleichen Zeit gelebt hat wie Herr Mascagni. Die Musik, die er komponiert hat, ist sehr vielfältig. Auch Herr Leoncavallo findet es interessant, Musik über Dinge zu schreiben, die in echt in der Vergangenheit passiert sind. Damit diese Stücke so gut wie möglich klingen und zu der Zeit passen, in der sie spielen, nutzt er die Musik, die man damals WIRKLICH gehört hat.

Das ist so, als wenn ihr ein Stück schreiben wollt, das im Jahr 2007 spielt und das Lied “Umbrella” von Rihanna einbaut, weil es damals viel im Radio und im Fernsehen gespielt wurde.

Ruggero Leoncavallo guckt also, welche Klänge in der damaligen Musik besonders häufig vorkamen. Diese Klänge nutzt er und komponiert daraus seine Opern.

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