Warum war der gestern Abend so geil? Benjamin Booker

Von den meisten Bands beim Sonic Vision in Luxembourg hatte ich noch nie was gehört. Also wenn ich ehrlich bin, war mir nur Fritz, oder Paul oder  Hansi Kalkbrenner ein Begriff. Und wenn ich noch ehrlicher bin, kannte ich selbst von ihm auch nur „Bum tschick, Bum bum tschick“.

Obwohl Benjamin Booker bereits bei David Letterman war, hörte ich auch von ihm zum ersten mal live vor Ort. Soviel vorweg: war geil.

Benjamin Booker sprang lässig auf die Bühne, während sich die meisten noch fragten, ob er jetzt der Musiker aus New Orleans oder ein Zuhörer ist. Frontstage ist das neue Backstage, dachte sich wohl Booker und ließ nicht lange auf sich warten. Dass über die Lautsprecher noch eine Playlist lief, störte ihn nicht, er fing einfach an. Stört ihn nicht, eine Attitüde, die ihn gut charakterisiert.

Benjamin Booker, das sind 3 Jungs: Ein Drummer, Ringo Star am Bass und Benjamin an seiner Halbakustischen Epiphone Gitarre und dem Mikrophon.

Besonderheiten des Trios

Trios sind die Königsdisziplin des Bluesrock: Cream, The Jimi Hendrix Experience, Double Trouble und das John Mayer Trio sind da gute Referenzen. Warum Königsdisziplin? Weil man sich nicht verstecken kann, als Gitarrist muss man sich beim Solieren selbst begleiten und einen fetten Sound mit drei Leuten zu erzeugen ist…schwierig. Aber: Benjamin Booker macht, obwohl man es überall lesen kann, überhaupt keinen Bluesrock.

 

Wichtiges Charakteristikum von Bluesrock ist nämlich der hohe Stellenwert der Gitarrensoli. Auf was warten alle, die Booker zum ersten Mal hören? Genau. Exzessive Soli, in denen sich der Solist einen von der Palme wedelt und die bluesgeilen Fetischisten auf den cum shot warten. AAAAhhh, stöhn, endlich kommt das Solo. So zumindest sehen die Fratzen aus, die 50 jährige Männer während solcher Konzerte ziehen.

Bookers Gitarrenspiel erinnert an ein Kind, das gerade gelernt hat e-moll zu greifen und dann fröhlich auf die Saiten eindrescht. Technisch beeindruckend ist aus Gitarristensicht überhaupt nichts. „Das kann ich auch“ denken wohl die meisten anwesenden Gitarristen, mich eingeschlossen.

 

Bullshit.

Das kann eben fast keiner. Aber was?

Was Benjamin Booker ausmacht, lässt sich nicht auf seinen CDs hören (jeder Song klingt gleich), nicht in Nachspiel-Tutorials auf Youtube anschauen, noch durch harmonische, rhythmische geschweige denn melodische Analyse herausfinden:

Harmonie? Langweilig.

Rhythmik? Einfach

Melodik? Gemäß dem Kölschen Grundgesetz: Kenne mer nit, bruche mer nit, fott domet!

Sound? Sein Gitarrenklang wird durch einen Tremolo und einen (BigMuff )Verzerrer gejagt, bevor er in einem aufgerissenen Fenderamp endet. Die Gitarre ist auch nicht gerade eine Stradivari. Kurz: Nein, der Sound ist geil, aber nichts besonderes.

Es bleibt die Frage: „Warum ist Benjamin Booker so verdammt geil?“

Weil der Mann einfach verstanden hat, was Livemusik ausmacht: Energie. 

Die Bühne ist auf Augenhöhe, die Zuhörer stehen in einem kleinen Raum. Hauskonzert. Es beginnt laut, ohne Ansage.

Wie ein Spastiker zappelt er rum, das sieht nicht gut aus. Stört ihn nicht. Man versteht fast kein Wort von seinen Texten, da die Band tinituslaut ist. Stört ihn nicht. Wer versucht die Texte zu verstehen, hat Benjamin Bookers Liveauftritte nicht verstanden.

Er haut seinem Bassisten den Gitarrenhals in den Bauch, stört weder ihn, noch seinen Bassisten mit dem Ringo-Star Gedächtnis-Pornobalken auf den Lippen. Das Feedback, das er mit seinem Mikrophon erzeugt, indem er es an seine Monitorbox hält und es wie ein Lasso schwingt, fordert zugehaltene Ohren und verzerrte Blicke im Publikum. Stört ihn nicht. Dass das „kontrollierte“ Spiel mit Gitarrenfeedback jämmerlich an einen Jungen erinnert, der Jimi Hendrix imitiert? Stört ihn nicht.

Herrlich.

Endlich mal jemand, dem es einfach scheiß egal ist, ob der zahlende Kunde sich wohl fühlt. Genug Bands kriechen ihren Fans in den Arsch. Endlich mal jemand, der auf der Bühne steht, in seiner Musik vollkommen zergeht – wahrscheinlich danach 4 Wochen im Koma liegen muss, da er total ausgepowert ist – und der aufgehört hat an seiner Technik zu arbeiten, um immer schnellere und schwierigere Läufe zu spielen.

Da ist er dann doch ganz Blueser: Den selben Ton 100 mal spielen, aber Feeling wie Sau. Das kannste auch nicht lernen, das haste im Blut (liest man dauernd, ist meistens abwertend gegenüber Weißen gemeint)

Die Rhythmussektion hat aber keinen Bock auf Jammerrhythmen und verbreitet den Beat wie einen Virus. Dabei verliert sich weder der Drummer, noch der Bassist in hektisches Dreschen. In Zeiten von Ebola sollte man mit solchen Formulierungen vorsichtig sein, aber „der schwarze Mann aus New Orleans hat das Publikum infiziert“ bringt’s auf den Punkt.

Am Ende lässt er seine Gitarre einfach fallen, verschwindet so schnell von der Bühne wie er sie betreten hat und bäm – Ende. Keine Zugabe, keine großen Dankesgesten, kein

„Luxembourg you are great, see u in Berlin! °Schmatzer ins Publikum°“.

Zurück bleibt mann alleine, am nächsten Tag mit Spotify und Youtube. Sucht seine Songs und fragt sich, warum man das gestern noch so geil fand.

Aber in der produzierten Musik findet man keine Antwort darauf.

Holger Kurtz

hat auf Anliegen seiner Eltern ("Mach doch besser was solides, Junge") von BWL zu Musikmanagement an der Universität des Saarlandes gewechselt. Dort hat er nach 323 Kaffees seinen Bachelor of Arts bestanden und studiert nun Musik- und Kulturmanagement (M.A.) in München. Mit seinen biblischen 24 Jahren hat er bereits alles erlebt und kennt das Internet noch aus der Zeit, als es noch schwarz-weiss war. Hört leidenschaftlich gerne Blues und ernste Musik. Die nmz wurde auf ihn aufmerksam, als er die nmz auf Twitte verbrannte und brennt selbst für Musikvermittlung. "Journalismus ist meine Kippe, aber Musik mein Nikotin." Peace I'm out.

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