Drei Tage. Drei Sparten. – Alleine ins Theater

Alles begann so:
Eines schönen Morgens erwachte ich in meinem Bett und dachte für mich „Hm. Ich brauche für die nächsten Tage dringend einen guten Grund, einmal am Tag ordentliche Klamotten anzuziehen und das Haus zu verlassen.“ Angesichts meiner entstehenden Bachelorarbeit, der Semesterferien und der Tatsache, dass Klarinette üben auch wunderbar im Schlafanzug geht, beschlich mich nämlich hin und wieder die Angst, sozial zu verkümmern. Oder einfach plötzlich zu verschimmeln. Wohlmöglich im rosa Bademantel.

Da meine Laune gerade auf dem Tiefpunkt angekommen war und ich sie keinem meiner Freunde zumuten wollte, kam mir die Idee, die nächsten drei Tage je etwas ohne Begleitung zu unternehmen.  Nur: WAS?
Essen gehen in ein Restaurant? Zu dekadent. Außerdem sieht das in schicken Klamotten und abends immer aus wie „Upsi – das Date kommt leider nicht.“ Kino? Alleine ins Kino ist mein gefühlter Höhepunkt der Verzweiflung. Um das zu ertragen, müsste ich dort Menschen mit zu teurem Popcorn bewerfen…  Schwimmbad wäre nur ein Grund mich auszuziehen statt anzuziehen.
THEATER!!!! Hoho! Ich gönne mir mal was ganz Wildes! Exzess für heranwachsendes Bildungsbürgertum (für Studierende in der Saarmetropole sogar völlig kostenlos – so ein Luxus) – drei Tage, drei Sparten. Und dann schön alleine Pausensekt saufen. Total sophisticated.

Ich lief also schnurstracks zur Vorverkaufsstelle des Theaters meines Vertrauens.
(An dieser Stelle sollte ich vielleicht noch sagen: Ich bin eigentlich wirklich nicht zimperlich mit alleine-Dinge-tun. Aber alleine ins Theater war bisher so ein bisschen wie alleine in eine Bar gehen. Die soziale Interaktion macht diese Abende für mich erst besonders. Deshalb fühlte ich mich nun tatsächlich ein bisschen verwegen. Immerhin würde ich das jetzt gleich drei Mal hintereinander durchziehen.)

Alleine ins Theater

1. Freitag: Schauspiel

Meine erste begeisterte Feststellung beim Blick in das Programmheft: JUHU! Keine Pause. Keine Schmach des betretenen Herumstehens. (Ok, auch kein Pausensekt.) Dafür aber kleine Spielstätte, ausverkaufte Vorstellung , freie Platzwahl. Das hieß: Sehr frühzeitiges Dasein und alleine herumsitzen. Erste Irritation meiner Sitznachbarn: Ich versuchte ja gar nicht, neben mir noch einen Platz frei zu halten. SKANDAL. Da ich ja selbst niemanden mit belanglosem Quark oder wahnsinnig wichtigen Geschichten vollquatschen konnte, wurde ich quasi dazu gezwungen, die Gespräche meiner Sitznachbarn mitzuhören. Ohren kann man ja bekanntlich so schlecht ausschalten.
Rechts neben mir: Herzklappen-OP-Besprechung. Dem Nachbarn seine Oma die Tante, deren Cousin wurde ja gerade operiert! Links neben mir: Heimgekehrte Tochter, die ihren Eltern erschüttert erklärt, dass in Berlin das Publikum im Schauspiel ja soooooohooooo viel jünger sei. Darauf folgend munteres Spekulieren: Junge Menschen gehen ja im Leben nicht freitags ins Theater! Mensch!

Als es los ging, war ich über das Ende der Gespräche fast ein wenig traurig. Nach ziemlich genau 2 Minuten wandelte sich die Traurigkeit in Verstörung. Ein erwachsener Mann spielt ein Kind mit epileptischen Anfällen und Entwicklungsverzögerungen. ABER WIE!!! Sofort begann ich zu grübeln, wer in meinem Bekanntenkreis das Stück auch gesehen haben könnte. Ergebnislos. Ich fragte mich, warum das Theater keine Sprechstunde/Seelsorge für verstörte Besucher anbietet. Vielleicht sollte ich das mal vorschlagen.

Mit dem Ende der Vorstellung wandelte sich die Verstörung in ein tiefes, wenn auch leicht wirres Beeindruckt-sein. Im Gehen schnappe ich auf: „So. Das war es dann mit Theater für das dieses Jahr.“

Der Abend endet alleine, schweigend in meiner Küche. Mit einer Tüte Trostchips und einem langen inneren Monolog darüber, wie viel Unterhaltung und wie viel Verstörung und Bewegung Theater bringen soll und darf. Wäre ich nun Reporterin in einem Dokutainement-Format, hätte ich das nun mit verwackelten Handkamera-Bildern als Video-Diary exklusiv festgehalten, natürlich.

Irgendwie war ich dann doch seltsam froh, das Gesehene für niemanden verbalisieren zu müssen.

2. Samstag: Ballett

Zur Prime-Time am Samstag nun also Ballett im Großen Hause. Alles ein bisschen anonymer.

Hier zeigte sich nun der erste Vorteil  des alleine-Seins: Ich ergatterte eine einzelne Restkarte sehr weit vorne und sehr mittig. Ich würde also 2,5 Stunden lang gestählte, unglaublich muskulöse, schwitzende Körper aus nächster Nähe anstarren können. Und das auch noch ganz legitim, ohne mich als Stalker oder schmuddelig zu fühlen. Klasse!

Außerdem musste ich danach auch keine männliche Begleitung hassen, weil er seinerseits die schönen Frauen angestarrt hätte. Protestfastfood mit einer frustrierten Freundin nach der Vorstellung blieb mir auch erspart.

An diesem Abend blühte mir allerdings das komplette Liebesdrama-Schnulzprogramm auf der Bühne. Schlimmer, als ich mir Kino alleine hätte ausmalen können. Und das dann eben auch noch in nächster Nähe. Ohne Popkorn. BINGO. Bei jedem getanzten Kampf um eine bis ca. drei Auserwählte der männlichen Tänzer dachte ich: „Himmel! Bis einer weint! Oder in Schönheit totgekuschelt wird!“

Meine Sitznachbarn dieses Mal hatten übrigens offensichtlich Mitleid mit mir und meiner Einsamkeit. Sie versuchten doch tatsächlich regelmäßig und hartnäckig mit mir zu interagieren. Am Ende dieses Abends stand meine persönliche Verarbeitung des Gesehenen in Form einer eigenen Choreographie – eine Modern-Dance-Einlage mit dem Titel „Mein Kampf an der Garderobe – Duett für eine Tänzerin und störrischen Mantel“

3. Sonntag: Oper

Der Opern-Sonntag krönte nun mein 3-Tage-3-Sparten-Wochenende mit meinem persönlichen Opern-Alptraum: MADAME BUTTERFLY. Ich kann diesen Japan-Kitsch gepaart mit großen Gefühlen einfach nicht ausstehen. Ganz grundsätzlich, egal welches Opernhaus das zeigt. Europäer verkleidet als klischeebeladene Amerikaner-Karikaturen oder traditionsreiche Japaner. Und dann noch diese Musik, eine seltsame Mischung aus angeblich japanischen Klängen und italienischem Pathos (ja, na gut, es gibt auch schöne Momente…). Ich könnte einen eigenen Artikel mit Schimpfen über den pädophilen Pinkerton und die dummedumme Butterfly füllen. Aber lassen wir das mal.

Warum ich das trotzdem ansehen wollte? Naja, ein bisschen Lust auf Haare raufen und aufregen so für mich war bei der Auswahl schon im Spiel. Schimpfen als Entspannungsmaßnahme.

Ich verbrachte die gesamte Oper damit, alles in meinem Kopf zu kommentieren. (Hauptsächlich bestanden die Kommentare jedoch aus Würgegeräuschen, „Nicht dein Ernst?!?!“-Bemerkungen und „Boa nicht schon wieder die amerikanische Patrioten-Musik“-Gedanken…) So richtig spannend wurde es dann, als ich mich in meiner Sitznachbarschaft umsah und -hörte:  Vor mir saß ein Herr, der jeden plumpen und noch so erzwungenen Witz („Wir Japaner sind kleine Dinge gewohnt.“ – oder etwas in der Art von „Er ließ alle Schlösser austauschen, um die böse Verwandtschaft fern zu halten.“) mit einem erfreuten Grunzen quittierte. Besagter Herr schaffte es auch, sein Pausenbier in die zweite Hälfte des Stückes zu schmuggeln und nahm in regelmäßigen Abständen einen ordentlichen Schluck. Starke Leistung. Prost!

Die ältere Dame neben mir erwies sich jedoch als noch unterhaltsamer. In der Szene, in der Butterfly erklärt, sie sei erst 15 Jahre alt, rutschte der Dame ein empörtes: „Na dafür ist die gute Frau aber kräftig!“ heraus.
Als im zweiten Akt dann mal wieder ein armes Kind über die Bühne zwangsgekuschelt wurde, musste ich mir wirklich das Lachen verkneifen. Der kleine Junge schaute durchgängig herzzerreissend bemüht traurig. Ich bin mir aber ganz sicher, in Wirklichkeit dachte er die ganze Zeit: „Wer ist diese Frau, die mich dauernd ankuschelt, und warum schreit sie dabei so, auch noch auf Italienisch?“

Außerdem malte ich mir beim Schlussapplaus aus, wie das Publikum in einem meiner Konzerte mit der Klarinette reagieren würde, wenn ich die Küsschen-werf-Nummer der Sopranistinnen auch mal bringen würde. Vermutlich würde der ganze Saal weinen vor lachen. Komischer Weise findet das Publikum diese albernen Gesten in der Oper total angebracht. Darauf gönnte ich mir einen Abschluss-Cremant.

Fazit:
Ganz offensichtlich verlagern sich bei fehlender Theater-Begleitung sämtliche Dialoge, die ich ansonsten vermutlich laut führen würde, völlig ungestört in meinen Kopf. Und auf eine seltsame Art ist das ziemlich interessant, seinem eigenen Gehirn so viel Raum und ungeteilte Aufmerksamkeit zu bieten. Mein Hirn antwortet soeben darauf mit: WE LOVE TO ENTERTAIN YOU. Das Grübelmaterial kann man sich also ganz leicht auf der Bühne bereitstellen lassen. (Irgendwo habe ich ja mal gelesen, dass es Menschen gibt, die keinen dauernden inneren Dialog mit sich führen. Wie öde!)
Außerdem hatte ich unglaublich viel Aufmerksamkeitskapazität, die ich wahnsinnig gerne meinen Sitznachbarn schenkte. (Ob sie wollten oder nicht.) Man verpasst sonst ja so viel in seiner Umgebung!
Zum Freunde-finden ist alleine-ins-Theater allerdings ungeeignet. Es sei denn, man steht darauf, dass Menschen einen aus Mitleid beachten.

Eine Fortsetzung des Experiments ist auch schon in Planung: Mit meinem imaginären, Freund ins Theater (oder wie ich ganz unerwartet beim Besuch von “Lucia di Lammermoor” in die Psychatrie eingewiesen wurde).

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3 Antworten

  1. Hanna sagt:

    Und wenn man auch noch mehrere Stunden Bahnfahrt auf sich nimmt, um (ebenfalls als Flucht vor den Eremitentendenzen der Semesterferien) allein eine Passion und eine Schostakowitsch-Oper zu hören und tagsüber Backsteingotik zu bestaunen, dann machen sich (wohlweislich erst nachträglich informierte) Altvorderen Sorgen um die Sozialfähigkeit und die seelische Gesundheit…
    Vielleicht gibt’s ja Selbsthilfegruppen für einsame jugendliche Kulturnutzende… 😀
    Danke für den netten Artikel!

    • Laura sagt:

      Na da war ich ja noch in der Light-Version unterwegs!
      Vielleicht gibt es eher mal Selbsthilfegruppen für ratlose Angehörige von einsamen Kulturnutzenden? („Hilfe, meine Tochter geht alleine in die Oper und ich weiß einfach nicht mehr, was ich noch dagegen tun könnte.“) Das wäre wohl viel nötiger… 😀

      • Hanna sagt:

        Haha! 😀 Die „Lösungsmöglichkeit“ meiner Mutter war: Kind, ich zahle dir den Mitgliedsbeitrag in einem Chor, da machst du wenigstens MIT ANDEREN Musik…

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