Zwischen Bildungsauftrag und Brechreiz – die Echo Klassik-Gala

Am Sonntag zeigte das ZDF zur besten After-Tatort-Sendezeit seinen jährlichen Versuch, das Image der verstaubten Klassikszene auf BILD-DER-FRAU und GALA-Niveau aufzupolieren: Die glanzvolle Preisverleihungsgala „ECHO Klassik 2016“. Oder: Musikvermittlung für Tante Trudi, die André Rieu so gerne mag (Achtung, Spoiler: Der gute Herr gehört nicht zu den Preisträgern).

Damit wir uns nicht falsch verstehen – der ECHO, die Auszeichnung der deutschen Phono-Akademie, ist ein durchaus ernst zu nehmender Award für Menschen, die sich auf Tonträgern verewigen und diese dann dort einreichen. Auch wenn der Preis am Ende von einer Jury vergeben wird und somit natürlich auf subjektiven Eindrücken beruht.

Die Preisverleihung – besser gesagt – ein Teil der Preisverleihung findet im Rahmen einer ZDF-TV-Gala im Konzerthaus Berlin statt. Scheinbar ist leider nur ein ausgewähltes Häufchen Preisträger des Ruhmes der Öffentlichkeit würdig – dabei stehen ziemlich viele wundervolle Künstler auf der Liste.
Das Besondere ist nun eigentlich das Konzept dieses Spektakels, übrigens moderiert vom Chefgummibärchen Thomas Gottschalk. Die Dramaturgie-Füchse haben nämlich einige schwerwiegenden Grundprobleme der Klassikszene gekonnt analysiert und sich einen raffinierten Plan ausgedacht, um alle Schwierigkeiten charmant zu verkaufen:

Klassik hört eh keiner

Ganz genau. Und damit sich keiner komisch und fremd fühlt (auch eben nicht Tante Trudi, die wegen ihrer Wetten-dass-Nostalgie einschaltet), der sich zu dieser Sendung verirrt hat, wurde allen nicht-musizierenden Akteuren der Sendung ans Herz gelegt, mehrfach zu beteuern, dass sie “keine Ahnung” von klassischer Musik haben. Auch dem Bayreuth-Gänger Thomi, der also erst (natürlich nur der guten Sache wegen) das Publikum mit seiner Ahnungslosigkeit beschwindelt und sich später dann zu Stimmfach und Rollen-Beratung für gut aussehende Sängerinnen hinreißen lässt.
Um zusätzlich zu belegen, dass WIRKLICH keiner Klassik hören muss, um bei der Gala aufzukreuzen, wurden auch die Laudatoren sorgfältigst ”ausgewählt”. So schaffte es dann auch Henry Maske noch in die Sendung.
Außerdem muss man nicht mal mehr Klassik machen, um dort einen Preis zu bekommen – was Campino (der den Punkrock nun jahrelang Konzertsaal-tauglich gekuschelt hat) wohl im besten Falle beweisen sollte. (Der hat ja auch nur erzählt, nicht gesungen für den Preis.)

Klassik ist für Nerds

Deshalb kommt die Netrebko als (vermutlich von Harald Glööckler designte) Discokugel verkleidet zur Verleihung. Und selbstverständlich muss der Gottschalk darauf hinweisen, dass der (wundervolle) Countertenor Philippe Jaroussky viel zu hoch singen kann und dass das nicht so normal ist. Eben eine Freakshow, diese Szene.

Klassik ist intellektuell

Um das zu untermauern, haben alle Beteiligten fleißig pseudo-intellektuellen Nonsense auswendig gelernt. Mein Lieblingssatz aus der Sendung stammt von Terra-X-Mensch Dirk Steffens zur Saxophonistin Asya Fateyeva: Nur Könnerinnen und Könner können ein Saxophon spielen. Klick um zu Tweeten

Außerdem wurden ein paar ausgeklügelte Seitenhiebe an das kennende Klassik-Publikum eingebaut. Beispielsweise das Spielen einer Ouvertüre am Ende der Gala. Um bloß keine Hoffnungen auf mehr beim erfahrenen Konzertpublikum zu wecken, betonte Gottschalk, dass die Sendung nun wirklich vorbei sei. (Schade.) [Für die Nicht-Freaks unter unseren Lesern: Eine Ouvertüre erklingt am ANFANG jeder Oper]

Klassik ist nicht sexy

Deshalb hat das ZDF den selbsternannten Klassik-Sexgott-Badboy David Garrett zum Backstage-Reporter befördert. Wo er dann Gott sei Dank die ganze Sendung über auch bleibt. (Hat ihn mittlerweile schon jemand wieder gesehen? Hat er sich im Konzerthaus verlaufen? Ich wage noch zu hoffen…)

Ich nominiere hiermit übrigens das Konzeptteam dieser Gala für den Junge Ohren Preis! Eine Sternstunde der Musikvermittlung.
Auch mich habt ihr motiviert und inspiriert: Zum Nie-wieder-Einschalten. Klasse!

3 Antworten

  1. Laura sagt:

    Ich verstehe die Anmerkung vollkommen. Ehrlich gesagt habe ich auch gehofft, dass Brendel den Preis nicht annimmt…

    Durch die relativ große mediale Aufmerksamkeit (vermutlich doch die größte/breiteste mit einem Preis in dieser Brange verbundene – auch wenn meine Meinung dazu klar ist…), fachkundige Jury-Mitglieder und nicht zuletzt eine Reihe großartiger Preisträger finde ich persönlich schon, dass man die Auszeichnung auf eine gewisse Art ernst nehmen kann. Zumindestens als „Zeichen der Wahrnehmung“ einer künstlerischen Arbeit. Die Preisträger „schmücken“ sich (und ihre CDs) ja durchaus damit. Auch wenn eben die Kriterien der Jury undurchsichtig sind und das ganze am Ende ein aufgeblasenes Spektakel ist.

    • Huflaikhan sagt:

      Weiß nicht, geht es da eine Zeichen der Wahrnehmung einer künstlerischen Arbeit? Wenn es einen Preis im CD-Sektor gäbe, der das täte, dann doch der Preis der deutschen Schallplattenkritik. Ich denke, es geht hier um Präsenz und Verkauf. Gibt ja auch genug Jazzer, die da geil drauf sind auch wenn sie sonst das Zeug verachten. Man nimmt halt mit, was man bekommt, so wirkt das auf mich. Zur Jury: Hast Du schon mal versucht, irgendwie eine Website der Phonoakademie, resp. einer Listung ihrer Tätigkeiten anzusteuern. Gerade finde ich nix. Nicht mal beim BVMI. Alles viel Zirkus um Zirkus.

  2. Huflaikhan sagt:

    Sehr schön erklärt, Abiederungsästhetik als Anbiederung. Nominierung unterstütze ich vollkommen.

    Nicht einverstanden bin ich mit „der ECHO, die Auszeichnung der deutschen Phono-Akademie, ist ein durchaus ernst zu nehmender Award“ für CD-Künstler. Ja, nein. „Phonoakademie“ klingt irgendwie ehrenwert, ist aber letztlich nur ein Bluff. Das ist alles rein ein Produkt der Musikindustrie, die sich hübschmachen will. Dafür mag ich den ECM-Chef Manfred Eicher zum Beispiel, der die Annahme einer solchen Ehrung beim Echo JAZZ verweigerte.

    Herzlich
    Huflaikhan

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