Haters gonna hate, Potatoes gonna potate, Education gonna educate?

Busfahrer fahren Bus. Ärzte verarzten. Köche kochen. Musikvermittler vermitteln… Musik? Veranstaltungstickets? Intellektuelles Babysitting? Wer weiß das schon so genau.

Ja, ich liebe Kinderkonzerte, so als Musikerin. Da stehe ich auch öffentlich zu.

Es gibt Kinderfilme, Kinderbücher, Kinderkleidung, Kinderportionen in Restaurants und Kindertoiletten im Kindergarten (und Kaugummizigaretten). Alle diese Sachen haben eines gemeinsam: Sie dienen als Einstiegsmaßnahme zu Dingen, die man als Erwachsener später eben meistens in großangelegter Form weiterhin betreibt. Warum sollte es also kein Einstiegsangebot für Kinder im Bereich der klassischen Musik geben? Na gut, soweit also alles logisch. Aber warum etikettiert man Kinderkonzerte dann als „Musikvermittlung“? Dürfen diese Konzerte nicht einfach nur ein schönes Erlebnis sein, oder eben ein soziales Ereignis, wie es später der Opern- oder Konzertbesuch auch sein kann? Muss man als Rechtfertigung erst irgendwelche Thesen zum Thema „klassische Musik macht extrem kluk und sozialkompetent“ ausgraben, um solche Veranstaltungen durchführen zu dürfen? Einfach nur genießen und Spaß haben scheint ja in der Kindheit heute nicht mehr vorgesehen zu sein.

Außerdem kommen Kinderfilme und Kinderbücher größtenteils auch ohne Partizipation aus. Kinder werden doch eher selten zum Filmen oder Bücher schreiben angehalten, es sei denn, sie erklären das speziell zu ihrem Hobby. Warum muss das bei Musik unbedingt so sein?

Wenn man davon ausgehend partizipative Angebote für Kinder betrachtet, stechen ganz besonders Projekte ins Auge, die kompositorisches Arbeiten mit Kindern in den Fokus stellen. Das geschieht in regelmäßigen Abständen besonders im Bereich Neue Musik. Beispielsweise werden im Rahmen von Response-Projekten Kinder zur kompositorischen Auseinandersetzung mit einem Werk angeleitet. Das Ergebnis (da liegt schon das nächste Problem – MUSS es ein Ergebnis bei Vermittlung geben, das man dann der Muddi, Tante und Oma vorführen kann?) wird dann irgendwie im Zusammenhang mit dem Originalwerk aufgeführt.

Unter uns Betschwestern – ist es nicht eine Beleidigung für Komponisten, dass ein Kinderkunstwerk im Zusammenhang mit ihrem Stück zu „Kunst“ deklariert und aufgeführt wird? Ich bin ja schon sauer, wenn mir mal wieder jemand erklärt, Neue Musik klinge so, als könnte das jeder Idiot, der ein Instrument das erste Mal in die Hand nehme und man müsse nicht dafür üben, dass es „schräg“, „hässlich“ und „dissonant“ klinge. (Flatterzunge mit der Klarinette habe ich 6 Monate geübt, bevor ich es gezielt einsetzen konnte und pflege das immer noch aktiv. Da könnte ich bei so einem Geschwätz direkt brechen.) Wie muss sich dann also ein Komponist fühlen, der sich das Hirn zermartert, bis am Ende ein Werk dabei entstehen kann und dies dann von Kindergeschrammel flankiert aufgeführt wird? Na herzlichen Glückwunsch. Birgt das nicht genau die Gefahr, auch einem erwachsenen Publikum mit Zugangsschwierigkeiten zu demonstrieren, dass diese Musik Zufallsprodukt und mit Kinderquatsch gleichzusetzen ist? Hat schon jemand eine Ausstellung gesichtet, in denen neben abstrakten Kunstwerken Kinder-Kritzelkratzel hing, oder einem Bild von einem Affen, der Farbe auf eine Leinwand gekotzt hat? Nein? Komisch.

Ja, ich bin akut vermittlungsernüchtert. Wenn man sich die Preisträger oder -nominierten des Junge Ohren Preises anschaut, finden sich unbestritten wundervolle Projekte wieder, die sicher zu mehr Musik inspirieren und Kindern die Tür des magischen Elfenbeinturms zumindest kurzzeitig öffnen. Mir bleiben aber Bauchschmerzen und ein Haufen Fragen: Was sind die langfristigen Ergebnisse der Bemühungen? Forschung? Fehlanzeige. Der Vermittlungstrend ist ja auch noch relativ jung. Wie finden die Kinder das eigentlich so?

Ist das noch Vermittlung oder schon Nötigung? Klick um zu Tweeten

Sportunterricht war in der Schule immer ein Akt der Gewalt für mich, ich wollte einfach nicht (WIRKLICH!!!!). Und trotzdem musste ich. So habe ich den heiligen Vorsatz, Elterngespräche zu suchen, wenn mich das Gefühl überkommt, ein Klarinettenschüler ist nicht freiwillig in meinem Unterricht. Zugänge schaffen impliziert doch, dass man selbst entscheiden kann, ob man diese auch nutzen will, nicht dass man durch die Tür getreten wird.

MusikvermittlungIch gehe zur Beruhigung nun erst mal einen Johanniskrauttee trinken und darüber grübeln, wie man Kinder in diesem Kontext weniger für dumm verkaufen, „Vermittler“ weniger als Marketingmitarbeiter behandeln und die Helikopter-Bildungsnazieltern ruhigstellen könnte. Gar nicht so einfach, das gebe ich ja sehr gerne zu.

Vielleicht hilft es ja schon, wenn man Kinder ein bisschen ernster nimmt als seine eigenen utopischen Ziele für Vermittlung, und mutig mit dem Druck im Betrieb umgeht. Und einfach mal dieses völlig unnötige Etikettieren sein lässt

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2 Antworten

  1. DanielaKayB sagt:

    Da schlagen etwa 97 Herzen in meiner Brust…

    Ich bin hauptberuflich Programmiererin, und nebenberuflich seit ein paar Monaten Schülerin der Altblockflöte.

    Nun habe ich nebenher immer wieder mit der digitalen Nachwuchsförderung zu tun. Zwei mir sehr wichtige Projekte sind jugendHackt (das sich an erfahrenere junge ProgramiererInnen wendet) und das CoderDojo (das sich explizit als Schnupperkurs versteht => http://nordlicht-development.de/2015/02/08/meine-liebeserklarung-an-das-coderdojo/ ).

    Daher bin ich zu der Erkenntnis gekommen, dass beides wichtig ist: die fundierte Förderung bereits interessierter Kinder, aber auch das Bereitstellen von Gelegenheiten zum „Erstkontakt“. Letzteres finde ich wirklich wichtig, weil wir in einer zunehmend digitalen Welt leben und z.B. das CoderDojo den Kindern einen unverbindlichen Blick hinter die Kulissen gibt. Sie lernen, dass Programmieren kein Geheimnis ist. Sie lernen, wie das eigentlich geht, dass man was auf der Tastatur schreibt, und dann kommt da Flappy Bird bei raus. Sie lernen auch, dass *sie* das könnten, wenn sie wollten.
    Und wir lernen immer wieder, dass man den Spass am Programmieren und die Leidenschaft dafür nicht erzwingen kann 🙂

    Von dem, was ich aus eigener Musikunterrichtserfahrung (auch aus der Kindheit) und dem, was ich z.B. an den Tagen der offenen Tür in der Musikschule gesehen habe, lassen sich da zwischen der Vermittlung von Musik und Programmierung an Kinder durchaus Parallelen ziehen. Nämlich meines Erachtens nach die, dass die Ausbildung junger Musiker und die Kontaktaufnahme zu bisher musikalisch Unbeleckten zwei verschiedene Paar Schuhe sind. Und, dass die Kontaktaufnahme nicht etwa als gescheitert anzusehen ist, bloß, weil dabei nicht der nächste Mozart / die nächste Lovelace herausgekommen ist.
    Jeder, der ohne Druck mit Musik / Programmierung in Berührung kommt, nimmt dabei *irgendetwas* für’s Leben mit.

  2. Hanna sagt:

    Guter, interessanter Text, dem man die „Stimmung“ seiner Autorin (zum Glück!) anmerken kann.
    Grundsätzlich bin ich der Meinung, dass man niemanden zu seinem Glück zwingen sollte (und kann) – also auch nicht zur (klassischen) Musik und zum Konzertbesuch. Weil dieser Ansatz aber dazu führen kann, dass manche einfach „Pech“ haben, bin ich 1) für eine Konzertkultur, die Eltern wie Kinder willkommen heißt, 2) für regelmäßige Schulausflüge in entsprechende Institutionen (schaden wird’s sicher nicht!) und 3) – ganz besonders und in Alter, „alter“ und Neuer Musik gleichermaßen – für echten, gerne auch unvermittelten Kontakt zwischen Musikern und den jungen Ohren (und Herzen!).
    Und was die Neue Musik betrifft: Es ist mir völlig schleierhaft, wie man seiner klingenden Gegenwart per se, wegen eines „Etiketts“ Missfallen entgegenbringen kann. Aber im weiteren Sinne klassische Musik wird ja doch vor allem museal und unter ästhetischen Gesichtspunkten wahrgenommen… Was mich in dieser Hinsicht beruhigt, ist, dass Musik, solange sie nicht ideologischer Verfolgung ausgesetzt ist, nie in ihrer Gegenwart vergessen wird, sodass für Vieles „Hoffnung besteht“. Vermittlung sollte nur eben keinesfalls durch starre Lesarten, Überpädagogisierung oder Elitisierung den Weg in die allgemeine und individuelle hörende Zukunft verbauen.

    [Hmm… zu viel Pathetik und zu viele Anführungszeichen. Aber vielleicht wird trotzdem deutlich, dass ich Bedenken und die gewisse Ratlosigkeit (?) der Autorin teile…]

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