Je ne parle pas baguette | #chartroulette

Was bisher geschah:
Namika – mit einer Schwäche für Gefühlsduselei und Rechtschreibung – hat eine supertolle, knuffige Partnerschaft mit ihrem Lieblingsmensch. Da kann die falsch geschriebene Annika so richtig dolle „verträumt und verrückt sein“ – in etwa so wie ein Kleingartenzwerg, der, wenn der elektrische Vorgarten-Rasenmäher samstags vorbeikommt, mal auf den Mauervorsprung darf. Von dort kann er die wilde, abenteuerliche Seitenstraße beobachten, wo ein paar Ziegen in Bäumen rumhängen. Mega aufregend!

Aber sie stellt fest, dass sie mehr will. Was richtig Verrücktes. Zum Beispiel durchmachen in der Gurrrls-Only-Edition von Lila Wolken, einfach mal Hellwach bleiben! Aber außer ein wenig rumknutschen und dafür den nächsten Tag durchkatern, erlebt sie nix.

Namika ist unzufrieden, tut aber nichts dagegen  außer dem Resting Bitch Face zu neuer Popularität zu verhelfen und ihren Freund damit an den Rand des Wahnsinns zu treiben. Es bzw. sie ist Kompliziert. Er trennt sich (vermutlich) und lebt fortan glücklich, aber vor allem: weiter.

Inzwischen ist es 2018. Deutschland ist bei der WM erfolgreich dem Angstgegner Brasilien aus dem Weg gegangen und Frankreich ‚oppla’opp Weltmeister geworden.
Namika möchte endlich ihren persönlichen Siegertypen kennen lernen und freut sich auf einen netten Urlaubsflirtfick. Eben grundsätzlich Erfahrungen sammeln, dazu steht sie  auch ganz offen mit Je ne parle pas français. Was wir nicht erfahren: Wie steht es um ihre Italienisch-Kenntnisse? Und was ist mit Russisch??

Die nun folgende Geschichte ist schnell erzählt: Junge Frau macht Urlaub in Paris. Stadtbewohner spricht sie an. Beide finden sich fuckable und flirten – mehr schlecht als recht mit ein paar Brocken der anderen Sprache, aber vor allem, in dem sie gemeinsam durch die Stadt der Liebe und balzend umeinander rum hoppeln. Ende: „offen“.

Der Song beginnt mit Möwengeschrei  die Verheißung von Ferne, ein Zeichen für ihren inneren Aufbruch? Akustisch drum herum verteilt hören wir drei fett klingende Pflatsch!-Sounds. Die könnten sinnbildlich für die undefinierbare Deutsch-Pop-Soße stehen, die uns in den nächsten vier Minuten auf den Schädel klatschen wird.
Gerade mal eine Strophe Schonfrist bekommen wir vor dem ersten Auftauchen des Refrains,  und dann gibt es keine Gnade mehr: Mal um Mal wird uns der Refrain eingetrichtert und so in die von der Hitze weich gekochte Birne eingebrannt.
Das Resultat: leider kein leckerer Williams, sondern eher eine süß-klebrige Billigbrause irgendwo zwischen Federweißer und viel zu süßem Hugo aus der Flasche mit Kopfwehgarantie – das, worauf die vermutete Zielgruppe eben steht.

Das Lied selbst besticht neben dem sprachlichen Abklappern von französischen Wahrzeichen und Redewendungen durch eine Ansammlung französischer Klischees (Akkordeon, Olalala-Textzeilen und einem zugegebenermaßen charmant  in einen Viervierteltakt gepressten Walzer-Rhythmus). Behutsam gesetzte orientalische Anklänge peppen das Ganze auf: ein Hauch von arabischer Skalenmelodik im Break der ersten Strophe, eine Bağlama in der Rhythmusgruppe, eine Mizmar, deren Tröten im Schiffs-(Kon)text zunächst an eine Schiffssirene erinnert, dann aber selbständiger klingt.

Der „westliche“ Pop als sicherer Heimathafen für Pauschaltouristen wird hier ganz behutsam mit orientalischen Klängen aufgepeppt – et voilà! hat man genug Anspielungen in Richtung Fernweh / Exotik für einen Sommerhit.

 

Abschließend noch meine persönlichen Highlights

Bei 1’00’’ die (beabsichtigte?) DragonballZ-Referenz in der wilden Liebes-Choreografie

Bei 2’36“ die völlig unnötige (daher beabsichtigte!) Schleichwerbung für das Kreuzfahrtschiff Le Meridionale (No-Affiliate-Link)

Außerdem möchte ich der Chartroulette-Glücksfee (aka restliche Redaktion) bereits jetzt dafür danken, dass YouTube mir in den kommenden Wochen und Monaten in der Kategorie „Empfohlen“ seichteste Soft-Pop-Perlen vorschlagen wird.

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden. Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz. War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement in LU, jetzt MA) der Ernst des Lebens beginnt.

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