Um die Wette musiken – Über Musikwettbewerbe

Jugend musiziert, Deutscher Musikwettbewerb, Niedersächsischer Chorwettbewerb, A-Capella-Award Ulm, …. das Deutsche Musikinformationszentrum zählt über 600 Wettbewerbe, die regelmäßig auf professioneller, semi-professioneller und Laienbereichs-Ebene durchgeführt werden und bedeutend sind. Die Musikwelt ist durchdrungen von Wettbewerben in jedem Genre und in jeglicher Besetzung. Über die schwierige Sache Wettbewerb.

Wenn man als Künstler*in oder als Ensemble einen Wettbewerb gewinnt, ist das ein fantastisches Gefühl und macht sich außerdem gut in der Biografie. Denn irgendjemand, sei es das Publikum, eine Jury oder sonstige Expert*innen, haben sich aus einer mitunter großen Auswahl für einen entschieden.

Wettbewerbe sind eine gute Sache. Man hat als Lernender einen Anlass, um sich besonders vorzubereiten. Man bekommt die Möglichkeit einer Bühne und wenn man beim Wettbewerb positiv auffällt, folgen in der Regel weitere Bühnenengagements. Und Bühne heißt Publikum, Publikum heißt Aufmerksamkeit, Aufmerksamkeit heißt ein Vorankommen. So kann der ein oder andere aus der Leidenschaft einen Beruf machen oder die Leidenschaft besonders leidenschaftlich ausleben.

Die hohe Anzahl der Wettbewerbe hat zur Folge, dass quasi jede Künstler*innen-Biografie aus einer Aufzählung von Wettbewerbserfolgen besteht. Es geht also nicht nur darum einen Wettbewerb zu gewinnen, sondern auch darum, welchen. Das wiederum hat zur Folge, dass der Musikbetrieb viel zu oft einer Sportveranstaltung gleicht und das ästhetische Erlebnis verloren geht. Man spielt Stücke, von denen man zu wissen meint, dass der eine Juror das besonders gut findet. Die eigene Spielweise wird auf Konformität getrimmt, statt dass man am persönlichen Stil arbeitet. Als Zuhörer*in bekommt man sechsmal dasselbe Klarinettenkonzert hintereinander zu hören (inkl. sechsmaliger gleich lautender Ansage).

Und dann gibt es noch die sehr merkwürdigen Juryurteile. Die vernachlässige ich an dieser Stelle, denn alles dazu liegt im Bereich der Spekulationen. So oder so, Kunst objektiv zu bewerten ist unmöglich. Welche Kriterien setzt man an? Technik? Interpretation? Dekolleté? Und was ist die beste Interpretation? Die im Sinne des*r Komponist*in? Bei der man sofort weinen musste? Welche*r junge*r Künstler*in ist am ehesten vermarktbar?

Man merkt schnell, es ist eine schwierige Sache mit diesen Wettbewerben. Doch wie wäre es mit ein wenig mehr bunten Chaos und so was absurdes wie Kreativität dabei? Wie wäre es einfach mal völlig ungeübt und nie gespielt Rachmaninows 3. Klavierkonzert vom Blatt “vorzuspielen”. Jurypositionen auszuschlagen, wenn es nur einen Hauch von Interessenkonflikt gibt. Ein Verbot auszusprechen, dass zwei Künstler*innen das gleiche Stück wählen. “Alter musiziert”: Wettbewerbe für Anfänger 50+. Ein Jahr lang nur Konzerte von Wettbewerbsletzten besuchen. Derjenige, der über seine künstlerische Attitüde und sein Starverhalten am lautesten lachen kann, gewinnt. Der*die Zuschauer*in, der*die am lautesten klatscht, bekommt den Publikumspreis. Das Kind, das durch den Wettbewerb selbst mit einem Instrument anfängt, hat eine Freischein, wenn es alt genug ist, um ins Semifinale zu kommen.

Das ist leicht gesagt, wenn davon nicht das eigene Fortkommen abhinge. Ohne Wettbewerbe geht es nicht. Denn sie bieten unbekannten Talenten die Chance auf Gehör und Förderung. Ohne sie würden sich über kurz oder lang die mit den besten Kontakten und dem meisten Geld durchsetzen. Also noch mehr. Es ist und bleibt eine schwierige Sache mit Wettbewerben.

Juana Zimmermann

Geisteswissenschaftlerin im höheren Semester und Schwiegermutterliebling, selbst wenn es an Söhnen mangelt. Hasst netzfreie Zone, Menschen, die dafür kein Verständnis haben, Brokkoli, Brokkoli-Liebhaber, Opernbesuche, Operngänger, alles zwischen 6 und 11 Uhr vormittags, Leute, die meckern … und vor allem Menschen per se. Kam zum Blog, als sie sich über die “Beschissenheit” der mobilen Blogversion beschwerte.

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