Der große funktionsharmonische Parteiencheck 2016 – Teil 2

Hier geht’s zum ersten Teil

Die deutsche Parteienlandschaft zerclustert zunehmend in komplexe und dissonante Akkorde. Die Volksparteien diminuieren und die radikaleren Kräfte crescendieren. Es wird immer schwieriger, inhaltlich den Überblick zu bewahren – zumindest ohne tiefgreifende Analyse.

musik-mitallemundvielscharf.de möchte da etwas Licht ins Dunkel bringen und legt nun eine umfassende Part(e)itur vor. Was steckt musikalisch in den Parteien? Was sagt ihr Name/Kürzel – zum Klingen gebracht – über ihre Politik, ihre Geschichte, sowie ihre derzeitige Situation aus?
Im ersten Teil der funktionsharmonischen DNA-Untersuchung wurden bereits die großen Volksparteien Deutschlands und die SPD einer tiefgreifenden Analyse unterzogen. Um die wichtigsten, in Landesparlamenten und dem Bundestag vertretenen Parteien Deutschlands zu komplettieren, folgt nun der Tragödie zweiter Teil:

Bündnis 90/Die Grünen

Der Klang der Grünen ist gut versteckt. Auf den ersten Blick gibt es weder ein analysierbares Kürzel, noch konkret sichtbares Tonmaterial im vollständigen Parteinamen.
Allerdings beinhaltet der Name eine genaue Frequenz-Angabe – 90 Hertz. Hiermit widersetzen sich die Grünen bewusst einem etablierten Notations- und Harmoniesystem und bekennen sich auf diese Weise zu ihren Anfängen als kleine Protestpartei der 1970er.

Übertragen in das europäische Tonsystem beschreibt diese Frequenz einen tiefen Viertelton zwischen F und Ges. Ob die Partei nun eher als ein hohes F oder ein tiefes Ges zu sehen ist, sorgt regelmäßig für parteiinterne Diskussionen. Dabei stehen sich die fundamentalistischen Fundis sowie die realpolitisch orientierten und für einen – ihrer Meinung nach – ges-unden Mittelweg eintretenden Realos (z.B. der enharmonisch verwechselte Joschka Fischer) gegenüber. Der schwer einzuordnende Viertelton symbolisiert also die verschiedenen Parteiströmungen der Grünen.Joschka F#cher

Es gibt immer wieder Bemühungen, diese verschiedenen Positionen in der Partei zu einen. Solange die Grünen aber bei den 90 Hertz verharren, bleibt die Frage, ob sie einfach nur schlecht intonieren oder dem tonalen System der deutschen Parteienlandschaft um moderne Vierteltonklänge voraus sind.
Erklingen beide Tonflügel der Grünen, also das f und das ges, zeitgleich, entsteht eine kleine Sekunde und damit ein sehr dissonanter und schwer integrierbarer Klang.
Um klanglich koalitionsfähig zu sein, benötigen die Grünen deshalb eine klare Richtung und einen eindeutigen Grundton.

FDP (Freie Demokratische Partei)

Die FDP ist wohl die ehrlichste aller deutschen Parteien, denn in ihrem Kürzel bekennen sich die Liberalen ganz offen zu dem parteiübergreifend üblichen, politischen Grundprinzip „Erst  forte, dann piano!“. Dieses Prinzip findet meist vor wichtigen Wahlen Anwendung. Im Wahlkampf wird dabei mit lauten Parolen und vollmundigen Vorschlägen für die eigene Partei geworben. Nach der Wahl werden diese Versprechungen – wenn überhaupt – nur noch ganz leise besprochen. Aber wie gesagt, die FDP ist da wenigstens mal ehrlich…

Für eine umfassende tonale Analyse der FDP muss das Kürzel – wie bei der SPD – wieder fränkisch artikuliert werden: fdb. In Grundstellung und enger Lage beschreibt diese Tonfolge einen B♭-Dur-Dreiklang, der wie der Grundakkord der AfD abwärts gerichtet ist. Bei der FDP beschreibt die Richtung des Dreiklangs die herben Verluste von Wählerstimmen in den letzten Jahren. Immerhin stimmt der durige Charakter des Akkords fröhlich. Zudem ermöglicht seine harmonische Stabilität eine offene Willkommenskultur gegenüber Spannungstönen.

Anders als bei der AfD besitzt der Grund-Dreiklang der FDP keine Tendenz zum Verminderten. Das Gegenteil ist der Fall. Erhöht man das f um einen Halbtonschritt zum fis wird der Akkord übermäßig. Aktuell gibt es keine Anzeichen einer solchen Übermäßigkeit, allerdings ist das letzte Beispiel einer solchen selbstinitiierten Erhöhung gar nicht so lange her. War da 2002 nicht mal was mit 18 Prozent?
Seit dem darauf erfolgten Absturz bleibt die FDP lieber beim klassischen Bb-Dur und versucht sich an einem Crescendo. Zumindest bezüglich ihrer internen Quintenbreite (=4) hat die FDP das Ringen mit der 5%-Hürde allerdings klar verloren.

DIE LINKE.

Left-Hand-Voicings, alle Noten ab dem h’ (weil die Notenhälse dann i.d.R. links sind), Instrumentierung mit links zu greifenden Instrumenten wie dem Horn…
Alles völlig an den Haaren herbei gezogen. Offensichtlich klingt Die Linke einfach nicht. Und das trotz der breiten musikalischen Qualität, die in ihren stärksten Wahlbezirken zu finden ist! Vom sanglichen Dialekt dieser Gebiete mal ganz zu schweigen.

Um den musikalischen Gehalt der Linkspartei dennoch zu erforschen muss man sich auf die – das wird den Grünen jetzt nicht passen – atomare Klangebene begeben. Die Linkspartei entstand 2007 durch eine Fusion der PDS und der WASG. Diese Einzelbestandteile der Linken liefern sehr viel tonales Material: bdes und aesg. Das w kann getrost vernachlässigt werden, da es sich dabei lediglich um eine kleine Verzierung in Form eines Pralltrillers handelt.
Erklingen alle so erhaltenen Töne zusammen, ergibt das einen wunderschönen E♭maj7♯11 (sprich: esmäidschersiebenkreuzelf). Der Akkordgrundton es wird sogar durch sein doppeltes Vorkommen gefestigt.

Der Basisakkord der Linken erfüllt damit die wichtigsten Kriterien für einen kompletten und interessanten Klang: klarer Grundton, beide Funktionstöne (Terz g und Septime d), spannende Tention-Note (a/♯11) und – ich muss vollkommen verrückt sein – die Quinte b gratis obendrauf. Ein ganz schön reichhaltiger Klang für eine antikapitalistische Partei. Klick um zu TweetenAber damit zeigt die Linke wenigstens ein klares Profil. Anders als die SPD, die ja auch irgendwie nach E♭maj7 klingen möchte, aber sich nicht traut, die Terz zu spielen. Von der ♯11 mal ganz zu schweigen.

Zugegeben, so ganz nach „zu-Hause-Feeling“-Tonika klingt der E♭maj7♯11 für den ungeübten Hörer nicht. Zumindest als Jazzliebhaber kann man dem Klang jedoch durchaus etwas abgewinnen. Aber Jazz und Antikapitalismus gehören ja eh irgendwie zusammen.

Der Parteienchoral – so klingen die Parteien in der Praxis!

Parteien in Töne

 

— Hier geht’s zum ersten Teil —

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1 Antwort

  1. Hanna sagt:

    Und irgendwie klingt es erschreckend realistisch…
    Wär’s jetzt bitte möglich, differenzierte, klingende Wahlprognosen zu komponieren?
    Oder ein harmonisches Wahlergebnis? 🙂

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