Heute war gestern morgen oder doch morgen gestern?

Umsonst-Kultur, Gentrifizierung, Online-Bezahlmodelle, Globalisierung, Neue Musik (also sowas Zeitgenössisches wie Alban Berg) und Crowd-Finanzierung sind die Themen der Zukunft. Wenn es nach der Themensetzung des Forums „Kultur der Zukunft: 10 Herausforderungen“ geht, veranstaltet vom Radialsystem V anlässlich seines 10-jährigen Bestehens. 10 Themen, vorgestellt in Fünf-Minuten-Impulsvorträgen, werden in kleinen Gruppen im Laufe des Tages diskutiert.

Ich dachte immer, das wären so Themen der Gegenwart, nein, eigentlich eher Themen, die wir schon seit zehn Jahren besprechen. Aber die „Arbeitsgespräche“ machten mir an diesem Tag deutlich: das sind wirklich aktuelle Probleme der Kulturszene. Es war ein Herausfallen aus der Filterbubble „Internet“, in der die Zukunft meistens schon gestern vorbei ist. Einerseits war ich entsetzt. Jedes Mal wenn das Wort Internet fiel, fügte sich in meinem Kopf ein ‚dieses‘ davor, denn so abstrakt klang es, wenn sie von dem sprachen, was in meinem Leben ganz konkret ist. Ich glaube diesen Menschen, wenn sie ihre Fragen und Befürchtungen äußern. Doch nach dem Schock und dem Verständnis kam die Frustration: Schon wieder diese Diskussionen darüber, dass das Internet Realität ist und man deshalb damit umgehen müsse. Wie oft denn noch? Wie oft wollen wir noch konstatieren, dass wir in der Kultur Wege finden müssen, dass auch die Nicht-Print-Produkte und Nicht-GEZ-Ergebnisse rentabel werden.110h Aber die junge Generation kennt das Internet nur als Umsonst-Kultur und eine Umstellung würde sie vergraulen – Was machen eigentlich dieses Spotify und Netflix auf unseren Kontoauszügen, wenn wir doch nichts zahlen wollen? Nur so ‘ne Frage. – Natürlich wurde sich auch ausgiebig darüber beklagt, dass die Welt immer schneller wird und die Gesellschaft soviel pluralistischer als früher ist. Das werde ich in 30 Jahren bestimmt auch von mir geben. Diesen Widerspruch der Wahrnehmung der Welt zwischen Alt und Jung findet man seit Menschengedenken. Grundsätzlich ein interessanter Gedanke, aber beim länger (so fünf Sekunden vielleicht) Nachdenken nicht besonders kreativ oder lösungsorientiert.

Steven Walter (Künstlerischer Leiter des PODIUM Festival Esslingen) schloss seinen Vortrag so: „Wie dieses Neue aussehen wird, wissen wir nicht – aber die verlässlichste Art, die Zukunft vorauszusehen ist doch, sie zu gestalten.“ Den Gedanken fand ich irgendwie gut. Ich bin keine geduldige Vermittlerin. Sorry. (Fragt meine Ma, wie gerne ich PC-Kenntnisse teile). Vielleicht einfach machen. Denn die Zukunft wird bestimmt nicht auf ‚diese‘ Kultur warten.

 

Mehr kluge Dinge von Steven Walter hier.

 

Juana Zimmermann

Geisteswissenschaftlerin im höheren Semester und Schwiegermutterliebling, selbst wenn es an Söhnen mangelt. Hasst netzfreie Zone, Menschen, die dafür kein Verständnis haben, Brokkoli, Brokkoli-Liebhaber, Opernbesuche, Operngänger, alles zwischen 6 und 11 Uhr vormittags, Leute, die meckern ... und vor allem Menschen per se. Kam zum Blog, als sie sich über die “Beschissenheit” der mobilen Blogversion beschwerte.

Das könnte Dich auch interessieren...

6 Antworten

  1. Huflaikhan sagt:

    Alles richtig. Aber auch Programmieren wird nichts helfen. Helfen können nur Inhalte, aber genau diese werden dahin verschoben, wo sie dann passend für den Markt sind. Ich meine das ganz neutral erst mal. Das einzige nutzergetriebene Internetteil, das nennenswerte Relevanz hat ist die Wikipedia, die aber jetzt auch ihre eigene Probleme hat. Nix gegen Kitsch. Nix gegens Herz. Zu Snapchat: Bei mir hat die „Aufklärung“ – nämlich das Kennenlernen – dazu geführt, dass ich das Zeug gerade noch für nett halten kann. Die paar tollen Snapper da drin, wunderbar. Aber sonst … Ich schaue da nur deswegen noch drauf, damit ich das Gefühl habe, ich verpasse da nix.

  2. Huflaikhan sagt:

    Man kann leider nicht Spotify und Co dagegen setzen, als Modell. Denn es sind Modelle für sich, die natürlich genauso rentabel sind, wie es einmal MySpace war. Wer kennt das noch. Alle diese Unternehmungen dienen nicht „uns“ sondern bedienen sich „unserer“. Sie wünschen daher keine Konkurrenz. Das heißt aber umgekehrt: Man kann nur auf seiner Wiese grasen. Im „Musik“-Bereich ist das leider sehr übersichtlich. Und damit sind es auch die Ressourcen – auf beiden Seiten.

    Das ist zudem die andere Seite des Pluralismus und der Verteilung über die Welt. Es ist meines Erachtens kein Generationenproblem. Zudem: Heute als Marktteilnehmer sich zu etablieren, da kann der Content noch so toll sein, ist einfach nicht so einfach: Schau auf niusic, terzwerk oder van.

    Oder nehmen wir die Digital Concert Hall der Berliner Philharmoniker. Das ist Gestaltungswille! Klar. Aber funktioniert der als Geschäftsmodell? Wer weiß, vielleicht in ein paar Jahren. Und bis dahin muss man weiter gestalten, investieren. Macht man es aber nicht, vergibt man eine Chance. Und nie kann man wissen, ob nicht alles dann sehr für umsonst war, weil eine neue Technik alles über den Haufen wirft (siehe Navis, siehe VZs, siehe MySpace.)

    Zukunft gestalten: Ja. Aber es wird nie die eigene Zukunft sein, sondern die eines externen Anbieters, dem man dann eben auch „folgen“ muss.

    „Dieses“ Internet braucht keine Menschen. Es braucht Zahlungswillige.

    • Juana Zimmermann sagt:

      Da gebe ich dir recht. Spotify & Co möchte ich auch gar nicht als Modell nehmen. Nur wurde in Berlin ständigt behauptet, dass niemand etwas zahlen wolle. Und diese Anbieter zeigen, dass man sehr wohl für Dinge im Internet bezahlt. Natürlich bedarf es noch Modelle UND Zahlungswillige. Letztere brauchen wir aktuell in der „Nischen“-Musik aber sowieso. Egal was wir machen. Ich will nur nicht mehr darüber reden, dass es Internet gibt. Ich möchte Ideen finden, Traumschlösser bauen und zerschießen.

      P.S.: Ich finde niusic – Verlag dahinter-, terzwerk – zahlungskräftige Uni – oder van – Bezahlschranke – sind gerade die Beispiele, die finanziell stehen.

      • Huflaikhan sagt:

        Verstehe. Ich denke, es ist ein Problem des Tempos der Gefühle, wenn ich das mal so pathetisch sagen darf. Die Medienentwicklungen, die um uns herum entstehen, sind häufig einfach zu flüchtig auch. Viele Märkte (nehmen wir den Konzertmarkt) haben eine lange Entwicklung durchgemacht, wobei der Markt anfangs selten im Zentrum stand – sondern der Wille zu einem bestimmten Tun. Der Markt etablierte sich daneben über lange Zeit. Heute haben wir eher nur Gefäße, abstrakter Art, wie eben „dieses Internet“ und wir können es bestenfalls benutzen aber eben nur kaum gestalten. Ich glaube, daher rührt das Misstrauen, das Du und ich immer wieder aufpoppen sehen. Im Zusammenhang zum Körper „Netz“ haben wir nur die Bedeutung des Virus, der sich besser oder schlechter anpassen kann. Im Zusammenhang mit vielen solchen Viren, bei denen die einen besser anpassbar sind.
        „Wie dieses Neue aussehen wird, wissen wir nicht – aber die verlässlichste Art, die Zukunft vorauszusehen ist doch, sie zu gestalten.“ Das stimmt, es ist ein schöne Vorstellung, die ich sowohl teile wie ich sie zugleich als Ideologie empfinde. Als ein notwendig falsches Bewusstsein, damit das alles überhaupt einen Sinn für mich ergibt. Da kannste Facebook vor die Füße scheißen, davon fällt nicht mal in China ein Sack Reis um.

        • Juana Zimmermann sagt:

          Aber die Geschichte des Internets, jetzt einmal abseits der militärischen Forschung, entwickelte sich auch Jahrzehnte lang, in denen niemand ahnte, was das werden könnte oder würde. Und erst seit vielleicht 10 Jahren ist daraus ein Markt entstanden, der anfängt rentabel zu werden (weder Twitter noch Soundcloud haben bisher Gewinn abgeworfen).
          Die Entwicklung dahin, dass nur noch wenige entscheiden und die Möglichkeit des Gestaltens weniger wird, beobachte ich auch äußerst kritisch. Doch ich glaube, dass hier noch Einlenkmöglichkeiten bestehen. Außerdem gestalten wir nicht auch durch das Benutzen? Stellst du dir mehr Mündigkeit vor? Würde Programmieren in der Grundschule das verbessern? Mir machen Vereinigungen wie der Chaos Computer Club immer wieder Hoffnung. Gegen Misstrauen hilft Aufklärung, habe ich in letzter Zeit oft an Snapchat erfahren, in dem ich es Leute einfach gezeigt habe. Auch wenn ich in meinem Artikel schreibe, dass ich dafür eigentlich zu ungeduldig bin.
          Die Sinnfrage verbanne ich knallhart aus meinem Leben und tun. Denn das ergibt sonst alles keinen Sinn. Und ja, das Zitat ist kitschig. Aber Kitsch macht es einem immer so wohl ums Herz.

          • Huflaikhan sagt:

            Alles richtig. Aber auch Programmieren wird nichts helfen. Helfen können nur Inhalte, aber genau diese werden dahin verschoben, wo sie dann passend für den Markt sind. Ich meine das ganz neutral erst mal. Das einzige nutzergetriebene Internetteil, das nennenswerte Relevanz hat ist die Wikipedia, die aber jetzt auch ihre eigene Probleme hat. Nix gegen Kitsch. Nix gegens Herz. Zu Snapchat: Bei mir hat die “Aufklärung” – nämlich das Kennenlernen – dazu geführt, dass ich das Zeug gerade noch für nett halten kann. Die paar tollen Snapper da drin, wunderbar. Aber sonst … Ich schaue da nur deswegen noch drauf, damit ich das Gefühl habe, ich verpasse da nix.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.