Riecht nach Kommerz

Lang Lang bringt ein Parfum heraus.“– Mit einer Mitteilung, die kaum noch einem Blatt eine Zeile wert ist – käme sie von Rihanna oder Christina Aguilera, sichert sich der Pianist Meldungen quer durch das deutsche Feuilleton. Dabei ist er in der Klassik-Szene nicht der Erste: die Starsopranistin Renée Fleming war bereits 2008 Namensgeberin und Inspiration für ein Parfum der Marke La Voce. Zudem ging der Erlös zu Gunsten der MET ein. Musik, Schönheit, Sinnlichkeit, Duft: Eine PR-Aktion aus dem Marketing-Lehrbuch. Nur ist dieses Buch schon leicht verstaubt, denn schon Cher hatte in den 1980ern bereits ein eigenes Parfum. Lang Lang als „Produkt-Inspiration“ ist nicht einmal neu: Turnschuhe und Füller gibt es bereits.

Perspektivwechsel: Sich Produkte seiner Stars zu kaufen, liegt nahe. Man besucht Konzerte, sammelt Bücher, Zeitschriften und Bilder, folgt ihnen auf Twitter und weiß, was sie gerade wo machen und wie es um sie steht. Warum nicht sich auch mit Produkten, teils selbst kreiert, von ihnen umgeben. Ein Duft – etwas sehr Intimes und damit eine große Nähe – nachvollziehbar.

Anna Netrebko

Doch warum der ganze Presserummel? Zugegebenermaßen werten diese sogleich ihre Nachricht (so in der ZEIT geschehen) simultan als Belanglosigkeit ab. Aber damit ist die Meldung trotzdem nach Luhmann etwas von Belang. Sie ist des Zeilenplatzes, der Kommunikation und der Zumutung des Lesers wert.

Es liegt am Bild vom klassischen Musikbetrieb, welches selbst das Feuilleton eher als staubig und Alte-Leute-Hobby versteht.

In 200 Jahre alten Häusern werden 150 Jahre alte Stücke zum 100. Mal vor 50+Publikum mit 0 Storywert aufgeführt. Eine Sensation ist das selten, hier mal ein Personalwechsel, dort mal eine „skandalöse“ Wagner-Inszenierung, doch Kunst geschieht woanders – nicht in der klassischen konzertanten Musik. Künstler werden entweder als Wunderkinder oder ehrgeizige Intellektuelle gesehen. Sie sind ganz in der Materie und der Zeit ihrer Musik steckend. Der Bezug zur Gegenwart? Nichts, was nicht schon in irgendeinem Programmheft oder bei Wikipedia stehen würde. Die Analyse, Aufbereitung oder der Verriss – die Musikkritik, wenn man sie analog zur Literaturkritik versteht – ist schon mehr Teilgebiet der Musikwissenschaft geworden als Aufgabe des Journalismus.

Dann ist da plötzlich etwas, was man doch nur von den jungen, hippen Musikern aus der Popszene kannte. „Los, schaut her, in der Klassik bewegt sich was!“. Doch ist Lang Lang „Klassik“¹? Er spielt Musik von Komponisten, die schon lange tot sind,¹ er spielt ein Instrument, welches sich in den letzten 150 Jahren kaum noch in seiner Form veränderte, er spielt in Sälen, von denen jeder klassische Musiker träumt. Doch seine Auftritte sind bis in das kleinste Detail wie eine Bühnenshow von Madonna durchinszeniert (nur ohne Stolpern), seine Interpretationen sind auf die möglichst simpelste und gleichzeitig größte emotionale Regung des Publikums ausgelegt und dass noch nie – weder männliche noch weibliche – Begleitung gesichtet wurde, kennt man von den Girl-/Boygroup-Mitgliedern der 90er.

Das allein schon dem Welt-Redakteur auffiel, dass Lang Lang gar nicht nach seinem eigenen Duft roch, weist nur darauf hin, dass die Klassik in PR immer noch der Pop-Szene einen Schritt hinterher ist.

Wobei da sich die nächste Frage stellt: ist Verpoppung die Zukunft der Klassik?
Lang Lang kann von seiner Kunst leben. Er hat es geschafft. Seine Konzerte sind ausverkauft und er hat Fans, die nur vom Alter den Fans Miley Cyrus‘ nachstehen.

Eine Inszenierung und Vermarktung des Künstlers wie Popsternchen unserer Kindertage?² Eine Unabhängigkeit von staatlichen Zuschüssen und dem Gutdünken der Sponsoren gar erreichen? Das Kantige, die Auseinandersetzung und Reflexion dieser Musik aufgeben?

Eine Welt zugebenermaßen teils nach dem Muff vergangener Jahrhunderte riechend  gegen eine jasminparfümierte PR-Inszenierung.

 


¹ Simpelste Definition von klassischer Musik (Quelle: Vater meiner Musik-LK-Lehrerin)
² Die Autorin kennt die Mauer nur aus ihrem Geschichtsbuch und als Minibrocken in Souvenierläden.

 

Juana Zimmermann

Echauffiert sich am liebsten über netzfreie Zonen, Opern und Chronobiologieverweigerern. Hat Kuwi, Muwi und ein bisschen Mewi, Kowi und Philo in Magister-Studierenden-Manier studiert, obwohl Bologna schon in ihrer Grundschulzeit beschlossene Sache war. Arbeitet nun nebenberuflich als musikalische Bildungsassistentin in Hannover, schreibt, liest und lektoriert ansonsten alles weg, was man ihr vorlegt, und bereitet eine Doktorarbeit in musikwissenschaftlicher Gender Studies vor.

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