Schön blau an der Donau

Bei den Donaueschinger Musiktagen 2018 trifft Bekanntes auf Neues und der Besucher auf seine Schmerzensgrenzen. Ein Rückblick.

Juana: “War das Eröffnungskonzert sonst nicht immer in dieser Turnhalle?”
Felix: “Ja. Da ist heute bestimmt Volleyballturnier oder so”
Juana: “Und wieso sind wir dann nicht dort?”

Und so ging es auf ein Neues durch: Donaueschinger Musiktage. Hunderte Geschmacksverirrte kommen bei sommerlichem Oktoberwetter zusammen in einem schwarzwäldischen Örtchen – zumindest, wenn sie es trotz infrastruktureller Schwierigkeiten überhaupt dorthin schafften (one does not simply ICE into Donaueschingen) und eines der ungefähr drei Hotelzimmerbetten im Ort ergatterten.

Die beste Fusion-Band seit dem Miles Davis Quintet: Das SWR Symphonieorchester.
Bild: SWR/Ralf Brunner

Dieses Jahr im Konzertsaal, nicht in der Turnhalle: Das Eröffnungskonzert. Für den nötigen Lärm sorgte das zwangsgebührenfinanzierte (immerhin so ohne menschenrechtsbrechende Sponsoren) SWR Symphonieorchester, das parfumkreierende Plakatmodel Teodor Currentzis wurde daheim gelassen. Gerüchten zufolge liegt bei Werken, deren Komponist*innen nicht männlich, weiß und vor allem tot sind, nämlich der Fokus nicht allein auf der Person vorne mit Stock im Arsch in der Hand.

Nach circa zwanzig Minuten ausführlichen Stimmens mit Hilfe des Bassetthornsolisten Michele Marelli startete das Programm überraschend mit einem echten Klassiker: In Leroy Andersons berühmtem Bravourstück The Typewriter brachte das Orchester durch sauberes Meistern virtuoser rhythmischer Figuren und gekonnten Einsatz von Schreibmaschinen als Musikinstrumente das Publikum zum vermutlich intensivsten Applaus des Festivals – auch der vom Klangkörper selbst vergebene Orchesterpreis ging vollkommen verdient an diese unterhaltsame Komposition. Vermutlich aus Urheberrechtsgründen war im dreihundertseitigen (ja.) Programmheft der Komponist durch den zugegeben ganz schön kreativen Fantasienamen “Malin Bång” (vermutlich die Schwester von Cillit Bång) ersetzt – hoffen wir, dass die GEMA das nicht mitbekommt. Marco Stroppa zeigte später im Konzert für sieben Lautsprecher und Orchester, wie ein Solist ohne aufgeblasenes Ego aussieht und klingt (meh.), Isabel Mundry hat stets bemüht teilgenommen.

Während beim großen Konkurrenzfestival Bayreuther Festspiele das komatöse Nahtodpublikum schweigend akzeptiert wird (wer schläft, merkt vielleicht nicht die Regieunfähigkeit Katharina Wagners), setzt man beim SWR inzwischen vermehrt auf diese Zielgruppe (wer schläft, buht nicht). Nachtkonzerte gehören deshalb seit Langem zur Festivaltradition, so auch das Soloprogramm Fassbinders Wunderkammer von und mit E-Gitarristin Alessandra Novaga am Eröffnungsabend um 23 Uhr. Leider wurde das Erlebnis von ein paar wenigen technischen Schwierigkeiten gedämpft: Elektronische Zuspielungen mussten vermutlich wegen defekter Lautsprecher vom iPhone abgespielt werden und es kam gegen Ende zu vereinzelten ungewollten Rückkopplungen, die so manchen Schlummer unsanft beendeten. Neben solchen Publikumslieblingsterminen wurden von Intendant Bernd Gottstein dieses Jahr erstmals zusätzlich spezielle Kompositionsaufträge zur Schlafförderung an erfahrene Komponisten wie Oscar Strasnoy oder Jānis Petraškevičs vergeben – mit Erfolg (vom Autor erprobt).

Musikpädagogik par excellence: Enno Poppe mit einer Schülergruppe, dem “fliegenden Keyboardklassenzimmer”
Bild: SWR/Ralf Brunner

Samstagfrüh statt Kaffee das Ensemble Modern. Irgendwas mit Tennis und Zyklizität von Liebe für Viola d’Amore (roll credits). Boris Becker persönlich konnte man sich wohl trotz Orchesterfusion beim Sender nicht leisten. Glücklicherweise wurde die Realschulturnhalle für das Konzert aufwendig bestuhlt, Sitzen war dank guter Polsterung und viel Beinfreiheit auch auf die lange Konzertdauer gemütlich, das Atmen dank funktionierender Klima- und Lüftungsanlage unbeschwert und angenehm. Nicht.

Für die nächsten Musiktage: Würde man die Vormittagskonzerte künftig direkt im urigen Fürstenberg Bräustüble veranstalten, könnte man sich das aufwendige Abkratzen der Schnapsleichen namhafter Ton- und Kritikschreiber*innen von den Tischen vorher sparen. Just sayin’.

Andere Turnhalle, andere “Musik”. Bevor das Festival beim Auftritt der Keyboardklasse der Erich-Kästner-Schule unter der Leitung von OStR Herrn Poppe mit bekannten Rundfunkmelodien einen ersten Höhepunkt erreichte, führte das SWR Experimentalstudio allerneueste Synthie-Technik vor. Elektroakustische Innovationen, bei denen man mit Spannung erwarten kann, was noch so kommen mag, machen Lust auf mehr und schüren Hoffnungen, wie spektakulär es wohl klingt, wenn die Bedienenden bis zu den nächsten Musiktagen vorher auch die Anleitung lesen. Nach einem äußerst abwechslungsreichen Feuerwerk musikalischer Einfälle in Klaus Langs parthenon, umrahmt von zwei interessanten Interpretationen von John Cages Klavierkonzert mit dem Cikada Ensemble, ging es auch schon in den letzten Programmpunkt des Abends: Der Grieche George Aperghis zeigte in seinem musiktheatralischen Sinking Sings Kasperletheatermbitionen, offenbar nehmen die Südländer uns nicht nur Milliarden unserer Steuergelder sondern obendrein jetzt auch noch unsere gute deutsche Leitkultur weg!!1einself!

Apropos Leitkultur: Wer in den Sonntagsgottesdienst gehen wollte, verpasste das Klangforum Wien – ketzerisches Heidenfestival (nicht zu verwechseln mit Eisenstadt). Viel entgangen wäre einem nicht, aber das sagt natürlich vorher wieder keiner. Über das erste Stück, Resilienztraining von Eduardo Moguillansky lässt sich bedauerlicherweise wenig sagen, über weite Strecken hatte der Rezensent ein lautes hohes Pfeifen im Ohr, sodass er die schönen Melodien nie hören konnte – schade!

Im antifaschistischen CASE WHITE der Kroatin Mirela Ivičeivć formierte das komplett in schwarz gekleidete Ensemble einen organisierten (Klang-)Block, ein anfangs sehr vielversprechendes Stück, ehe die Aufführung leider nach knapp 161 Takten vom Sender abgebrochen werden musste. Anscheinend war in einer Zwischenstimme die Tonfolge a-c-a-b zu hören gewesen, nach den jüngsten Konzertkontroversen beim ZDF wollte man etwaigen Skandalen vorbeugen. Eine bedauernswerte, aber berechtigte Entscheidung, niemand soll behaupten, bei den Öffentlich-Rechtlichen wäre man auf dem linken Ohre taub.

Apropos gebührenfinanziert: Umso ärgerlicher war, dass mit 21.10.18 eine eher schlecht als recht verschleierte Produktplatzierung im Programm untergebracht worden war. Ein Komponist namens “Koka Nikoladze”? Wer so wenig Aufmerksamkeit via Social Media generiert, sollte erst recht nicht zu Influencermethoden greifen, um mehr Kohle abzusahnen.

Auch jedes Jahr gern gesehen: Die Cosplay-Stage für besonders begeisterte Fans.
Bild: SWR/Ralf Brunner

Mit dem Abschlusskonzert und dem SWR Symphonieorchester (erneut mit Nichtposterboy-Dirigenten) ging es ein letztes Mal in eine der verschiedenen Turnhallen, von denen es im Ort offenbar mehr gibt, als Werke von Nichtweißen in der Festivalgeschichte. Besonders hervorzuheben sei das Stück für großes Orchester und Klavier HMV 62 des Komponisten Hermann Meier. Nie dagewesene, radikale Klanglichkeit, brillante Orchestrierung und ein nur so mit pointierten Nuancen gespickter großer Formbogen verlangen Klangkörper und Publikum alles ab. Ein Name von dem man in Zukunft gewiss noch viel hören wird, man darf gespannt sein, wozu es der Schweizer in seiner Karriere noch bringt.

Endgültig abgerundet wurde das Festival mit der traditionellen Parade aller Teilnehmenden durch das Publikum unter euphorischem Applaus. Die SWR-Marschkapelle spielte ein buntes musikalisches Potpourri von Benedict Mason, während sich eine nicht enden wollende Polonaise von Geigen virtuos durch die Sitzreihen schlängelte – ein echtes Spektakel für Jung und Alt!

Abseits der Konzerte bestechen die Donaueschinger Musiktage nicht gerade mit Atmosphäre und Flair. Die Klangkunstinstallationen waren leider bereits am ersten Tag durch exzessiven Vandalismus unbesuchbar: Überall leere Pfandflaschen in den Bäumen des Schlossparks, Papiermüll und verstreutes Salz brachten eine Künstlerin in der alten Molkerei sogar hörbar zum stundenlangen Schluchzen. Die Campingbereiche in Stagenähe waren schlecht ausgeschildert und offenbar nicht ausreichend mit der Stadtverwaltung abgeklärt (Bußgeldrechnung leite ich dann weiter), Nachbar*innen trotz mehrfacher Einladungen zu gemeinsamen Flunky-Ball-Runden sehr unfreundlich und Trichtersaufen bei den Konzerten gänzlich unerwünscht. Die Veranstaltung war in der Tat sogar so spießig, dass sich bei den Konzerten nicht einmal jemand traute, ein szenetypisches “Buh” zu brüllen – Punk ist nicht tot, Punk trinkt schweigend resigniert entkoffeinierten Latte in den Donauhallen. Wer Skandale erwartet, sollte woanders suchen.

Wären wir doch lieber zum Volleyball gegangen.

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