Theaterwahnsinn und Wahnsinnstheater

Ich war vor einer Weile in der Frankfurter Klavierwerkstatt von Jan Großbach. Nebenbei hat Großbach sich in den letzten Jahren mit der sehr umfassenden Geschichte der Klavierbauer in Frankfurt und Umgebung beschäftigt und das Resultat in Buchform (Ihh, Papier…) herausgeben. Dazu las er sich u. a. durch diverse Frankfurter Zeitungen zwischen 1722 und 1830. Quasi als Abfallprodukt zu “Besaitete Tasteninstrumente in Frankfurt am Main und ihre Erbauer im 18. und frühen 19. Jahrhundert” kam eine Anekdotensammlung mit Theatergeschichten heraus, die er mir zum Abschied in die Hand drückte.

Es folgen einige Auszüge, die zeigen, dass sich außer Rechtschreibung und Kommasetzung (nicht) viel geändert hat seit damals.


Theater ist Leidenschaft bis zur Selbstaufgabe – und pointierte genüsslich zur Schau gestellte Überlegenheit seit jeher eine Allzweckwaffe der Kritiker:

Frankfurter Staats-Ristretto, 7. September 1776

In Nürnberg wurden die Leiden des jungen Werther auf der Schaubühne aufgeführt, und der Hauptheld des Stücks hatte sich so gut in die Rolle des jungen Werther zu setzen gewust, daß er sich gegenwärtig im Tollhaus befindet.

(Sehr zu empfehlen sind übrigens auch die Musikkritiken des Komponisten Hector Berlioz, die in diversen Sammelbänden erschienen sind.)


Die Parkplatz- und Verkehrsproblematik und die Regelung des Taxibetriebs — auch schon vor Feinstaub, SUVs und Uber:

Frankfurter Frag- und Anzeigungs-Nachrichten, 22. Februar 1793

Wir Burgermeister und Rath dieser des heil. Römischen Reichs Stadt Frankfurt am Mayn, finden es dermaligen Umständen nach für nothwendig eine zweckmäsige gleichförmig zu beobachtende Ordnung in Ansehung des Abholens der Kutschen aus dem Schauspielhauße einzuführen, wodurch alle Verwirrungen vermieden und die daraus zu besorgende unglückliche Vorfälle möglichst abgewendet werden können; Wir verordnen demnach andurch:

1.) daß die Kutschen, welche zum Abholen auf den Comödienplatz fahren, sich sämmtlich reihenweiß auf den Theil des Platzes stellen, […] den andern Theil des Platzes hingegen […] völlig frey und ohnbestellt lassen;

2.) daß ein Wagen nach dem andern, so wie er herbeygerufen wird, von dem Platz, wo er stille gehalten hat, gerad zu vor diejenige der zwey Thüren des Schauspielhauses vorfahre, wo sich die Herrschaft zum Einsteigen aufhält […]

5.) Damit diese die Erhaltung der nöthigen Ordnung bezweckende Vorschriften genau befolgt werden, sollen auf dem Comödienplatz, so wie an den Thüren des Schauspielhauses die erforderlichen Wachen und Aufseher angestellt und selbige mit gemessener Weisung versehen werden; man verspricht sich jedoch von der allgemein billigen Einsicht und von der rühmlichen Liebe zur Ordnung, daß aller Anlaß zu mißbeliebigen Vorkehrungen und unangenehmen Weiterungen auch hierbey sorgfältigst vermieden werden wolle.

Conclusum in Senatu, den 19. Febr. 1793


Zechprellerei als Performancekunst und künstlerische Kleingeisterei:

Frankfurter Staats-Ristretto, 12. Oktober 1797

Theateranzeige

Der bei dem hiesigen Theater gestandene Sänger und Schauspieler Wilhelm Schlegel, ist mit Hinterlassung einer beträchtlichen Schuldenlast heimlich von hier entwichen. Wir halten es für verdienstlich, auswärtige Theater vor diesem unredlichen, conctractbrüchigen Flüchtlinge zu warnen, ihn hiermit für einen ehrlosen Menschen zu erklären; wobei wir übrigens nicht unterlassen werden, auf gesetzlichen Wegen, unsere gerechten Forderungen an ihn gültig zu machen. Frankfurt am Main im October 1797

Von Theater-Oberdirektions-wegen.

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden. Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz. War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement in LU, jetzt MA) der Ernst des Lebens beginnt.

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