This is how I survived 23 hours of Wagner’s music

Durch Zufall hatte ich dieses Jahr das Glück, spontan bezahlbare Tickets für die Bayreuther Festspiele zu bekommen. Innerhalb einer Woche habe ich mir also in hingebungsvoller Selbstaufopferung sechs der sieben wagnerischen Musikdramen im Spielplan gegeben und so rund 23 Stunden reine Spielzeit (den 1. Akt von Tristan hab ich leider wegen einer Autopanne verpasst – war klar, dass das wieder mir passiert) auf unbequemen Holzstühlen im Zuschauerraum des Bayreuther Festspielhauses verbracht.

Da die hiesige Blogredaktion – sei es #bayreuthfake oder einer grundlegenden Ablehnung der Gattung Oper geschuldet – sicher beim Übertreten der Bayreuther Festspielhausschwelle augenblicklich zu Staub zerfallen würde und zumindest gefühlt lebenslang Hausverbot auf dem Grünen Hügel hat, fällt mir also diese Saison die verantwortungsvolle Aufgabe zu, ein paar Eindrücke von den Festspielen aller Festspiele zu dokumentieren:

1. In Bayreuth gibt es wirklich nur reiche, alte Leute.
Hier ist der Silbersee zumindest im Parkett noch Realität (die meisten Studierenden oder jungen Kulturinteressierten werden wohl kaum in der Lage sein, 200€+ für eine Karte hinzublättern). In den Pausen bezahlt man Unsummen für überteuertes Essen und Getränke (5,90 € für ein kleines Bier und 10,80 € für ein Glas Weißwein!!! #wersolldasbezahlen).

2. Christian Thielemanns Autokennzeichen ist B CT. B steht für beschde, das CT steht für Gefahr.

 

 

 

 

 

 

 

3. Im Konservatismus-Tempel Bayreuth scheint es aus Prinzip keine Unter- oder Übertitel zu geben. Wahrscheinlich erwartet man vom Publikum, dass es den Text vorher auswendig gelernt hat. In der Realität wird so jede Wagner-Oper jeglicher Bemühungen der Sänger zum Trotz zu einer mehrstündigen Misheard-Lyrics-Performance.

4. Vom eigenen Sitzplatz aus mitzudirigieren (offenbar ein Bedürfnis jedes zweiten männlichen Festspielbesuchers) ist NICHT cool. Es hat schon einen Grund, weshalb man selbst im Publikum sitzt, während unten im Graben jemand anders steht und die Vorstellung wirklich dirigiert.

5. Eine Auswahl von Aussagen, mit denen man sich beim Bayreuther Ring-Publikum sicherlich keine Freunde macht:

Am meisten liebe ich an Castorfs Ring-Inszenierung, dass sie einen so schön von der Musik ablenkt.

Ich bekomm einfach nicht genug von den kopulierenden Krokodilen auf der Bühne!

Ohne Videoprojektionen wird mir langweilig.

Warum gibt Erda Wotan keinen echten Blowjob auf der Bühne? #lame Klick um zu Tweeten

Aber wie war’s jetzt eigentlich in Bayreuth? Vor allem ziemlich schön. In den vielen Stunden, die man dort am Festspielhaus rumhängt, entwickelt sich eine gewisse Vertrautheit – mit den spartanischen Sitzplätzen aus Holz, dem Sitznachbarn oder der Sitznachbarin neben denen man so viele Stunden im Halbdunkeln verbringt, und mit den tapferen Mitstreiter*innen, denen man im Festspielhaus immer wieder über den Weg läuft.
In Bayreuth gelten ganz eigene Opern-Regeln: Hier wird fast so laut applaudiert und gejubelt wie im Stadion, dafür aber auch gnadenlos ausgebuht (meistens die Regie).

Situationen wie diese : http://musik-mitallemundvielscharf.de/die-alten-sind-das-problem sind in Bayreuth an der Tagesordnung.
Böse Zungen könnten also behaupten, dass in Bayreuth die Hochpreisstrategie zur perversen Perfektion getrieben wird: Kein anderes Opernhaus in Deutschland legt so wenig Wert auf die Öffnung des Hauses für jedermann. Diese exklusive „Geschlossenheit“ der Festspiele scheint deren hauptsächliches Alleinstellungsmerkmal zu sein. Und jetzt mal ganz ehrlich: Wenn man über tausend Euro für Ring-Karten im Parkett bezahlt hat, dann weiß man doch eigentlich schon vorher, dass man den Besuch in Bayreuth feiern wird.
Trotzdem kann Bayreuth natürlich auch musikalisch viel Spaß machen – vorausgesetzt man bringt ein bisschen Zuneigung und Interesse für Richard Wagner und seine Werke mit. Wo sonst verbringt man schon so viel Zeit mit einem Komponisten? Ich würde also allen Neugierigen empfehlen, einfach mal selbst dort vorbeizuschauen. Für 25 € bekommt man Sitzplätze hinter einer Säule im zweiten Rang (euphemistisch „Galerie“ genannt). Hier quietschen zwar die Holzsitze manchmal lauter als das Orchester, dafür findet man hier die interessantesten Leute (und wahrscheinlich abseits der Schickeria die echten „Wagnerianer“). Viel Spaß!

Paula Schlüter

Überzeugte Musikwissenschaftlerin. Hat eine Leidenschaft für Neue Musik, Theater und Musiktheater. Träumt heimlich davon, nach ihrem Master und anschließender Promotion eine renommierte Beyoncé-Forscherin zu werden oder den Friedensnobelpreis verliehen zu bekommen - oder einfach beides.

Das könnte Dich auch interessieren...

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.