Von töfte bis tight – das Mehrgenerationen-Konzert

Mal völlig wertneutral betrachtet: Wenn das Durchschnitts-Abopublikum eines Sinfoniekonzerts als „Silbersee“ bezeichnet beschimpft wird, dann kann der typische Barockmusik-Hörer locker Zeitzeuge von J. S. Bachs Improvisations-TÜV auf einem der ersten Klaviere gewesen sein. – Musikalische Sprachwissenschaftler vermuten hier auch den Ursprung unseres heutigen “Du Opfa!”, damals allerdings noch respektvoll konotiert. – Vereinzelte juvenile Ausnahmen U50 trifft man bei so einem Konzert allenfalls an, weil diese das Ba- vor Rockmusik überlesen, bei Bar… hängen geblieben sind oder hinter dem Programmtitel deutschen Gangsta-Rap vermuten – Indizien gäbe es:

Bachs Kollegahs

So ist zumindest mein Eindruck, nachdem ich das Freiburger Barockorchester mit ihrem Programm „Bach und Kollegen“ in der Liederhalle Stuttgart bestaunen durfte und zum ersten Mal nach langer Zeit historisch informierte Musik um die Ohren gehauen bekam. Geil!

Bitter aber, dass so wenige (andere) junge Leute das zu checken scheinen. (Oder ist das schlicht eine Frage der Persönlichkeitsentwicklung?) Die Handvoll junger Frauen in Begleitung ihrer Mütter, die ich im Publikum ausmachte, war sicher nur anwesend, um durch den Konzertbesuch den Preis der potentiellen Erbinnen im heiratsfähigen Alter auf dem immer härter umkämpften Ehemarkt im Elitesegment zu treiben.
An diesem Abend auf jeden Fall stellte ich (wieder einmal) fest, dass Publikumszusammensetzung kein Problem der Musik an sich ist. Die ging ordentlich vorwärts, die ständig unter Strom spielenden Musiker taten ihr Übriges dazu.

#streetcredibility

Aber was ist es dann? Wie entsteht bitteschön dieses Hipness-Vakuum in der werbekulturrelevanten Zielgruppe der 14- bis 49-Jährigen?

Das Problem liegt eher im setting, im Um-das-Konzert und wohl auch in der piefigen Liederhalle selbst: Innenarchitektonisch erinnert das Konzertsaal-Konglomerat der Schwaben-Metropole eher an eine überambitionierte, aber im Endeffekt dann doch nur gut gemeinte Gemeindehalle einer mittleren Kleinstadt. Dieser Charme wird verstärkt durch den Duftschwall, der einen begrüßt: eine Mischung aus dünnem Filterkaffee und dem Flurgeruch eines Altenheims. Also klassische Seniorennachmittags-Stimmung – nichts gegen diese Art von Veranstaltung; als ich noch jung, aber dafür nicht ganz so wild war (heute ist es andersherum), habe ich solche Dorf-Ereignisse mit Darbietungen unseres örtlichen Flötenkreises bereichert… Ja, ich habe Altflöte gespielt. #höhö

Im Saal selbst herrscht dann eine “angenehme” Raumtemperatur – wenn man den Zustand sich bereits verdickenden Blutplasmas und Sauerstoffmangel kurz vor einem Dämmer-Koma als angenehm bezeichnen möchte. Nun ja, seniorengerecht eben.

… also definitiv nichts für die Abendgestaltung postpubertärer Mittzwanziger, oder?
Die Lösung ist aber nicht noch mehr „Mutter im Club“. Kein anbiederndes Ambiente-Facelifting. Sondern schlicht und simpel, nämlich folgende dreistufige Patentlösung, die ich hiermit kostenlos und generös allen Konzertveranstaltern anbiete:

  • vorher durchlüften
  • ungefragt allen, die Kaffee & Kuchen bestellen und aussehen, als hätten sie den 2. Weltkrieg nur aus Erzählungen mitbekommen, „mit Schuss“ und Hasch-Cookies kredenzen.
  • Energie sparen im Konzertsaal und dafür auf Wunsch Decken ausgeben.
  • Alternativ: Das gefühlte Tanzverbot im Saal aufheben; Oma und Opa zelebrieren barocke Schreittänze, während die Enkel abzappeln #epilepiaberhappy
Der Startschuss für das Mehrgenerationen-Konzerthaus! Klick um zu Tweeten

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden. Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz. War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement in LU, jetzt MA) der Ernst des Lebens beginnt.

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2 Antworten

  1. Hanna sagt:

    Ach, ich liebe Texte, bei denen man zustimmen und lachen kann!
    Danke!

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