WeihnachtsShit-verdächtig: Weichspüler fürs Hirn

Da hat mir die vorweihnachtliche Glücksfee aber ein dickes Ei ins Nest gelegt: Die Chillout Winter Chants von den Gregorian Masters… HOLY §$&%!

Acht Tracks, Spielzeit: 54 Minuten. Und genau diese Zeitspanne gebe ich mir, um meine Gedanken zu dieser Winter-Perle zu digitalem Papier zu bringen. Eine Livekritik also, wenn man das bei eingespielten Alben so sagen kann. Also auf geht’s!

Das Cover zeigt eine leer bis unwirtlich wirkende, aber einigermaßen schöne Winterlandschaft. Damit kann man nichts falsch machen. Dann startet der erste Track…

Ich korrigiere: Dreck. Wenn Dreck 1 das Statement für den Rest des Albums ist, dann kann man mich nach den verbleibenden 52 Minuten aber vom Boden aufkratzen: Heaven besticht durch pseudo-gregorianische Mönchsgesänge, unterlegt mit billigsten Flausche-Soundspuren. Ich weiß nicht, ob der Produzent die Hintergrundgeräusche absichtlich so hoch gedreht hat. Zuzutrauen und nachzuvollziehen wäre es: die meistens im Chor vorgetragenen „Text“zeilen klingen so, als ob der Männerchor schon einen sitzen gehabt hätte vor der ersten Aufnahmesession. Die Sprache ist irgendwas zwischen dem Fantasy-Latein, dass ich nach der elften Klasse drauf hatte und Klingonisch aus dem Alpha-Quadranten. Nach butterweichen siebeneinhalb Minuten werde ich durch einen Fadeout erlöst…

Denkste!! Bei Dreck 2 ändert sich nur der Beat, nicht das Konzept. Ich habe also Zeit, mir deren Webseite anzuschauen. Dort begrüßt mich ein Prachtexemplar von einem Imagevideo.

Kein Tipp, sondern ein Befehl: ANSCHAUEN!!!

Der „weltweit erfolgreichste Chor aller Zeiten“ schafft mit links den Kitsch-Overkill. Die Volksmusik- und die Schlagerszene sollten sich warm anziehen! Aprubt holt mich ein Saxofon-Dudel-Solo in die bittere Realität zurück:

ich habe noch einiges vor mir.

Dreck 3: Ein Klassiker, das Hallelujah. Leider haben die nuschelnden Mönche davon nicht mehr viel übrig gelassen. Über repetitiv dahin wabernden Klangspuren direkt aus der Musiker-Vorhölle wird melodienlos und blutleer dahin-gesprechsangt. Nachhall wird übrigens prinzipiell nach dem Motto „Viel hilft viel“ eingesetzt. Selbst das Echo hat ein Echo.

Mea Culpa: Der Titel von Dreck Nr. 4 ist eine verspätete Entschuldigung dafür, dass es dieses Album gibt. Falls die acht Stimmen jemals gestimmt haben, lässt jetzt die Intonation stark nach. Darunter doch tatsächlich so etwas wie Reggae-Offbeats, verfeinert mit winterlich glitzerndem Suspended-Cymbal-Einsatz en masse. Mein Hirn ist langsam so weich, dass ich es gegen die Schädelwände schwappen hören kann.

Bergfest!

Afrikanisch-kubanisch anmutender Trommeleinsatz in Kombination mit (weihnachtlich?!) verstimmten leicht psychedelischen Kuhglocken prägen den nächsten Dreck: Judas ist verstörend. Nichts zum Chillen, eher ein Pilztrip. Wenigstens scheinen alle bis auf Einen in die Mittagspause gegangen zu sein, das ist gut für die Intonation. Jetzt kann der Abt seine Stärken ausspielen: Singen mit zusammengebissenen Zähnen. Und das neben jedem irgendwie möglichen Zeitmaß. Respekt!

Ich ertappe mich beim Mitwippen. Die Gehirnwäsche funktioniert. Dreck Nr. 6 ist wieder eine gemeinsam vorgetragene Nummer. Man könnte fast von Harmonien sprechen, Hoffnung keimt in mir auf. Doch dann das: ein selbst für schlechte Sound-Ingenieure bescheidenes Synthie-“Oboen“solo bricht meinen Willen gänzlich. Es ist vorbei, ich bin Fan. Ich werde die Facebook-Seite liken und informiere mich gleichzeitig bei AMAZON über weitere Alben.
Dort der nächste Hammer unter Kunden kauften auch Artikel von: Unheilig und Santiano werden Seit‘ an Seit‘ angezeigt. Teufelswerk!
Ich gleiche die Tourdaten mit meinem Kalender ab, damit ich auf alle Fälle vermeiden kann, das wir uns aus Versehen begegnen. Sie kommen tatsächlich vor Weihnachten noch in meine Stadt. Uff, das war knapp. Alles richtig gemacht!

Amen – so sei es. Doch leider zu früh gefreut: das ist keinesfalls der letzte Dreck… wobei: doch. Ist es! Die Fake-Mönche hauen danach tatsächlich noch einen raus. Nennt man das dann Zugabe, wenn es eigentlich der gleiche Dreck ist, bloß heftigst verwurstet? Die Drum-Spur kenne ich definitiv aus einem vorangegangenen Dreck.

Es heißt ja immer, Haydn hätte nur eine Sinfonie geschrieben. Und die dann aber 106 mal. Aber hiergegen ist der Mann ein Heiliger, das Lamm Gottes.

DER LETZTE DRECK!

Ich habe es geschafft. Fast. Noch etwa sieben Minuten liegen zwischen mir und wohlverdienter Stille. Oder einer wohlverdienten Justin-Bieber-Diskografie. Alles ist besser als das hier. Wenigstens scheinen die Mönche keine Lust mehr auf Singen zu haben und schweigen. Eine brillante Idee, die ich dem nächsten Konzeptalbum generell zu Grunde legen würde. Es ist ein langsames, qualvolles The End. Indische Klänge prallen nochmals auf die Weihnachts-Kuhglocken. Ich gehe zu Boden.

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden. Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz. War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement in LU, jetzt MA) der Ernst des Lebens beginnt.

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