Dummheit tut weh

Anfang November ging ein Video um die Welt. Es trendete, es ging viral, es war in der Hot Rotation der “Kennst du eigentlich schon… ?” auf Schulhöfen und in Vorlesungen, und die SZ hat es mit einem Artikel “geadelt”. Spätestens, wenn deine Eltern von „dem nächsten hippen Ding“ in der Zeitung lesen, solltest du was anderes cool finden: Unterwasser-Häkeln vielleicht, Techno auf Blockflöten oder – quasi als Retro-Revolution – deutschen Schlager. Noch habt ihr Zeit. Das postkonservative Revolverblatt FAZ hat noch nicht berichtet (deren wöchentliche Postkutsche mit ausgedruckten Mails & den Youtube Top10 auf 273 Disketten scheint irgendwo liegen geblieben zu sein).

Musik – mit allem und VIEEEEL scharf

In dem Video geht es um ein Orchester aus Dänemark mit dezent masochistischen Zügen: Die Musiker pfeifen sich Chili sine carne sine “alles andere” rein bis die Ohren klingeln. Und dann machen sie Musik: schmerzgezeichnet, aber wunderschön!

… also hätten wir hier vom Blog das Geld dazu gehabt… GENAU SO hätte unsere Werbekampagne ausgesehen!

Ende, aus – Chili raus

Aber das Video hatte bei allem Unterhaltungswert auch einen ernsten Grund:

Das DR UnderholdningsOrkestret – mein Dänisch ist etwas eingerostet, nennen wir es der Einfachheit halber doch „Kammerorcheser des Dänischen Rundfunks“ – wurde Mitte diesen Jahres aus heiterem Himmel mit der Ankündigung konfrontiert, dass es zum Jahresende geschlossen werden solle. Cut. Aus & vorbei.

Alle Konzertverträge, die teilweise einen Vorlauf von zwei Jahren haben, sollten sofort storniert werden. Kein „sozialverträglicher“ Stellenabbau mit Glückskeksen und Kamillentee für alle. Richtig heftiger Kultur-Rasenmäher.

Die gute Nachricht zuerst: das Video (und vielleicht die 40.000+ Unterschriften unter dieser Petition [… und ganz eventuell auch die Bemühungen des dänischen Parlaments, die zuständige Ministerin zu stoppen]), hatten Erfolg: Die Entscheidung wird ziemlich sicher revidiert werden (müssen), alles andere wäre nach der Rücknahme-Empfehlung der Abgeordneten ein Affront des Parlaments und damit ein zu starker Gesichtsverlust für die dänische Kultur-Ministerin Marianne Jelved – mein Dänisch ist wie gesagt etwas eingerostet, nennen wir sie der Einfachheit halber doch Frau Maulwurf.

Streichkonzert – Neuer Trend: Orchestra-closing

Das Beispiel aus Dänemark ist leider kein Einzelfall: In Deutschland traf es jüngst das Sinfonieorchester Baden-Baden/Freiburg des SWR. Dort hat der Intendant Herr Maulwurf (Peter Boudgoust klingt auch irgendwie dänisch, oder?) die Fusionierung zwar nicht über Nacht, dafür reichlich benebelt angeordnet.

Toll, dass unsere Funkhäuser, ausgestattet mit staatlichem Kultur- und Bildungsauftrag, wenigstens auf diesem Feld Vorreiter sind!  Sonst produzieren sie ja eher „RTL2 für Intelligenz-Hobbits“ nach. Habt ihr die Helene-Fischer-Show gesehen? Ich auch nicht, aber: quod erat demunstrandum. Trotz Gebührenfinanzierung auf die Einschaltquote schielen: mutig ist anders…

Die Schmerzgrenze ist erreicht

Muss jetzt jedes Orchester Chili fressen, um erhalten zu bleiben? Oder Zimt inhalieren? Oder Tequila Suicides trinken?

NEIN. Soll es nicht. Soll es nicht müssen.

Hier wird sonst ganz schnell Aufmerksamkeit – oder Awareness, wie es neudeutsch so schön heißt – mit Relevanz verwechselt. Und genau die ist aber massig vorhanden, wie soeben wieder die UNESCO bestätigte: Unter dem Motto WISSEN.KÖNNEN.WEITERGEBEN. wurde die deutsche Orchester- und Theaterlandschaft vor wenigen Tagen in das Verzeichnis des immateriellen Kulturerbes aufgenommen. Hoffen wir, dass demnächst auch noch etwas (Human)Materie zum WEITERGEBEN da ist…

An wen eigentlich weitergeben? Na, an EUCH! Daher hopp, hopp: ab jetzt mit euch in die Fankurve eures lokalen „Kammerorchesters des Dänischen Rundfunks“. Zeigt Herrn und Frau Maulwurf, wie scharf ihr auf Musik seid!

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden. Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz. War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement) der Ernst des Lebens beginnt. Schreibe meine Blogbeiträge gerne überall, bloß nicht mit Latte Macchiato & MacBook in hippen Cafés. Das würde mein Israelian-Nazi-Surf-Punkcore-Fanboy-Image unterminieren.

1 Antwort

  1. Huflaikhan sagt:

    „Streichkonzert – Neuer Trend: Orchestra-closing“ – Schön gesagt …

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