Ein postf**ktischer Jahresrückblick | Teil 3

Man solle im Jahr 2016 nicht mehr von Neuer Musik sprechen, postuliert ein prominenter Leipziger Komponist ausgerechnet in der neuen musikzeitung, und zeiht seine Genossen der Zeitgenossenschaft. Sicherlich: Das Neue von heute ist das Vorgestrige von übermorgen, und nicht jeder kann ein Bruno Moderna sein. Aber im postf**ktischen Zeitalter sind dies doch ohnehin nur noch leere Kategorien. Ich halte es lieber mit dem kategorischen Infinitiv (»Erst Altes hören, dann Neues reden«) und versuche mich an einem unvoreingenommenen Jahresrückblick zum Gegenwartsmusikleben. Vergessen wir dabei niemals: Jede Musik wird von Kompromisten gemacht, jede Notation ist Nötigung, und jede Musikkritik ist Protesk. Wer bei diesem Spiel mitmacht, hat eh schon verloren. Oder gewonnen, je nach Perspektive.


III. Von Interpretieren und Menschen

Der Dirigent vollzieht beim Auftakt (als er den Taktstock hebt) den Taufakt. Klick um zu Tweeten

Politisch brisante Entwicklungen werden stets auch im Musikleben reflektiert. Ein elektrisierendes Paradoxon: Trotz seiner Kontakte zum deutschen Widerstand wird Furtwängler von der englischsprachigen Presse regelmäßig als »pretty good conductor« bezeichnet. Auch weitere deutsche Künstler_innen beschäftigen sich derzeit mit sensiblen Themen wie dem Verschleierungsverbot: Kürzlich meldeten die Feuilletons, dass Steffen Schleiermacher als Zugabe sein »Rondo alla Burka« gespielt habe – bei aufgezogenem Vorhang, und trotz vehementen Protesten der AfD. Schleiapopeia! Da fragt man sich, ob Salomes Tanz auf französischen Bühnen überhaupt noch gespielt werden darf.

Ein weiteres Reizthema: Für die Untermalung einer Diskussion über Pestizide und landwirtschaftliche Ethik eignet sich erwiesenermaßen die Hymne des fröhlichen Landmannes, vom Felde zurückkehrend: »Auferstanden aus Urinen / und der Kuhzunft zugewandt.« Wie gedungen, so gesungen.

Pianisten

Auf andere Weise brisant ist auch der folgende Logikschluss: Falls Daniil Trifonov jemals Liszts »Après une lecture de Dante« spielen sollte, so wird er gleich nach den ersten Takten als »Tritonov« (diabolus in musica) in die Geschichte eingehen. Als Aufführungsdatum wäre der vierte Mai besonders geeignet (»May the augmented 4th be with you«). Andere, deutlich ältere Pianisten haben andere, deutlich jüngere Sorgen, vor allem nach dem Abhandenkommen aller öffentlichen Ämter. Die neu gewonnene Freizeit könnte jedoch durch neuerliche Katz-und-Maus-Spiele genutzt werden: Was wäre naheliegender als eine Gesamteinspielung des Klavierwerks von Georg Katzer durch Siegfried Mauser?

Dirigenten

Ich bin regelmäßig amüsiert, wenn ich aus Musikerbiografien oder aus der Fachpresse erfahre, jemand habe »unter einem bestimmten Dirigenten« musiziert. Natürlich ist mir klar, was gemeint ist, aber die berufsständische Hierarchie, die in solcherlei Formulierungen zum Ausdruck kommt, ist doch eher befremdlich – von Gender-Implikationen ganz zu schweigen. Man ist verleitet, sich das bildlich vorzustellen: Bei der Behauptung, Anne-Sophie Mutter habe »brillant unter André Previn gespielt« (immerhin eine Zeitlang ehelich!), geht bei mir gleich das Kopfkino an. Auch bei Formulierungen wie »die Callas hat besonders gut unter Karajan gesungen« (wahrscheinlich Carmens Arie vom wilden Vogel) denke ich eher an Missionarsstellung denn an große Oper.

Insgesamt möchte ich nachdrücklich für mehr Tugendhaftigkeit in der Musik plädieren: Faith (Hill), (Daniel) Hope und (Courtney) Love machen es vor.

Sorry, I fagott my bassoon. Klick um zu Tweeten

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