Klassik für alle – ohne mich!


Ich kam aus “glücklichen” Umständen an Karten für “Swan Lake Reloaded”. Mein Gedankengang: Schwanensee – Tschaikowsky – könnte kitschig werden – nungut, warum nicht – es ist Tschaikowsky <3 ! Also hin in das sehr gut gefüllte Haus. Erster Eindruck und oberflächliche Bewertung der Musikkenntnis des durchschnittlichen Besuchers:

Wagner macht Pizza, Beuys ist ‘ne Band aus der Schweiz und Beethoven ein Hund. Klick um zu Tweeten

So bekommt man Menschen zu klassischer Musik gelockt.

Interessant. Bis zu diesem Punkt. Und um auf den Punkt zu kommen: Im ganzen 90-Minuten-Programm (Schwanensee dauert in der Regel um die 3h) hört man genau so viel Musik aus dem Ballett, das dem Programm seinen Namen gibt, wie im obigen Trailer. Vielleicht sogar weniger. Eigentlich fiel den Machern erst im letzten Akt ein, dass Swank Lake was mit diesem Russen zu tun hat und man vielleicht doch mal seine Musik spielen könnte. (Die Musik-Nerdesse in mir hatte verzweifelt versucht, sich an die Harmonien in Schwanensee zu erinnern und diese wiederum in den Elektro-Beats herauszuhören. Sie ist gnadenlos gescheitert.)

Zur Aufführung:

Die Tänzer waren nicht synchron und agierten lustlos, das Geschehen auf der Bühne war spannungslos und langweilig und die Storyline bestand aus ‘Was mit Drogen & Prostitution’. Dass die Musik vom Band kam, muss ich nicht erwähnen, oder?

Das Publikum, also die anderen abzüglich meiner selbst, war begeistert. Sie hatten wohl den Zugang gefunden, der mir verschlossen blieb. Der kleinste gemeinsame Nenner, der Konsens, auf den man sich einigen kann, heute noch Pjotr Iljitsch massenwirksam zu spielen, ist eine Streetdance-Vorführung zu Beats, die irgendwann in einem Tschaikowsky-Remix enden. Irgendwie war mein anfänglicher Gedankengang vom Irrtum geprägt, dass ‘Schwanensee’ an sich schon der Pop des Balletts sei.

Okay.

Nein, ich finde es eigentlich gar nicht okay. Ich liebe Tschaikowsky. Aber das war kein Tschaikowsky. Das war wie eine Tschaikowsky-Coverband auf dem Scheunenfest in Mohrkirch für Schatzi und Mausi, die zur Abwechslung mal keinen ‘gemütlichen TV-Abend’ machen wollten. Ich weiß nicht, ob der kleine Spießer mit Buttplug aus diesen Zeilen spricht. Aber dieser Abend war langweilig.
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Ich verlange gar nicht, dass jeder Ballettmusik mag. Ich glaube auch nicht, an die Hochkultur/Popkultur-Trennung (wer dem widerspricht, sollte sich unbedingt Funny van Dannen reinziehen). Kunst muss nicht so zerlegt werden, dass selbst mein Toast es kapiert. Genau so geil kann es sein, Trash, Einfaches oder Kitschiges zu genießen. Aber ich verlange, dass es zumindest gut gemacht ist.

Juana Zimmermann

Echauffiert sich am liebsten über netzfreie Zonen, Opern und Chronobiologieverweigerern. Hat Kuwi, Muwi und ein bisschen Mewi, Kowi und Philo in Magister-Studierenden-Manier studiert, obwohl Bologna schon in ihrer Grundschulzeit beschlossene Sache war. Arbeitet nun nebenberuflich als musikalische Bildungsassistentin in Hannover, schreibt, liest und lektoriert ansonsten alles weg, was man ihr vorlegt, und bereitet eine Doktorarbeit in musikwissenschaftlicher Gender Studies vor.

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1 Antwort

  1. Huflaikhan sagt:

    Tja, was soll man dazu sagen: Stimmt!

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