Streich(el)konzert

Stell dir vor, es ist Sinfoniekonzert. Und du gehst hin. 

Das Orchester spielt irgendwas sehr sehr schönes. Vielleicht eine Wagner-Sinfonie. Oder das Andante von Mozart.

Du genießt einfach die Musik und schaffst es, deine Begeisterung nicht zwischen den Sätzen auszuleben durch ein dreimaliges Solo-Klatschen mit groß angelegtem ritardando und diminuendo, Spielanweisung: „Peinlich berührt“…

An diesem Punkt trennt sich schon die Spreu vom Weizen, die Klassik-Nerds von denjenigen, die ihre Musikkarriere auf dem Höhepunkt beendet haben, nämlich nach drei Jahren Flötengruppe. Leider.

 

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Klar, in jedem anderen Bereich gibt es wichtige Fachbegriffe, Verhaltensweisen und Codes, die

1. eine Verständigung über das Thema leichter machen und

2. auch eine gewisse Gruppenzugehörigkeit, eine Exklusivität vermitteln (sollen).

Aber das sollte dich, das sollte keinen dazu bringen, sich als Publikum zweiter Klasse zu fühlen.

 

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Darum ist es schön, dass es Menschen gibt, die sich stellvertretend für viele trauen, auch die scheinbar naiven Fragen zu stellen.

Ulrike Schmid z. B. ist so eine.

Sie ist hr-Pressearbeiterin und Edeltwittererin beim hr-Sinfonieorchester und laut eigener Aussage (orchester)musikalisch nicht ultimativ bewandert. Sie hat aus ihrer vermeintlichen Schwäche eine tolle Stärke gemacht.

Oder Birgit Schmidt-Hurtienne,

die bekennender Fan des WDR Sinfonieorchesters ist und ebenfalls darüber bloggt.

Die beiden etwa haben erkannt, dass sie die Fragen stellen können (und dürfen!), die sich andere Zuhörer nicht (mehr) trauen zu fragen, weil sie befürchten, dafür belächtelt zu werden… und damit ist dann wirklich keinem geholfen, auch nicht den Orchestern selbst.

In einem ihrer letzten Blogbeiträge ging Ulrike auf das symbolische Applaudieren von Streichern gemeinsam mit dem Publikum – etwa nach einem Solokonzert – ein.

Es gibt aber auch andere Formen von Applaus,

die während eines laufenden Musikstücks unter Orchesterkollegen ausgetauscht werden, v.a. in den hinteren Reihen – zahlreiche Versionen hat Birgit gesammelt. Das Publikum bekommt davon absolut nichts mit.

Eine Variante möchte ich da aber noch anfügen:

Wenn z. B. dem 1. Posaunisten ein Solo in einem Orchesterwerk (besonders gut) gelingt und die Kollegen ihm ihre Wertschätzung dafür zeigen wollen, dann verziehen sie keine Miene, kein Kopfnicken verrät sie. Es gibt keinen Daumen nach oben, sondern sie loben viel unauffälliger:

Sie streiche(l)n sich mit der Hand mehrmals über das eigene Knie. (Eventuell ist #merkelstreichelt ein Hinweis auf eine musikalische Vergangenheit unserer Kanzlerin. Wir bleiben gewohnt post-investigativ dran!)

Schlussbemerkung:

Die Kollegen dieses Posaunisten haben ihr „Streicheln“ sicher auf nach dem Konzert verschoben.

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden. Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz. War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement in LU, jetzt MA) der Ernst des Lebens beginnt.

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4 Antworten

  1. Huflaikhan sagt:

    Es ist gut, wenn man immer noch jede Frage stellen darf. Fragen sind immer erlaubt. Habe mich immer schon gefragt, warum sich die Posaunisten übers Knie streicheln, wenn der erste Posaunist gerade wieder aufgewacht ist.

  2. Holger Kurtz sagt:

    muchas gracias for the Verlinkung!

  1. 3. September 2015

    […] Wer den kpmpletten Artikel „(Streichel-)Konzert„ lesen möchte, hier geht’s lang zum Blog. […]

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