Wie schreibt man eine Kritik? – Teil 2

Früher, als bestimmt auch noch das Wetter besser war, war Musikkritik natürlich auch noch besser.

In „Wie schreibt man eine Kritik? – Teil 1“ haben wir gelernt, wie man sich Beschreibungen besorg und Namen lernt. Um zu lernen wie man einen Zerriss schreibt, schauen wir heute mal in die Vergangenheit.

George Bernhard „The Shark“ Shaw

(Namen bitte einmal laut vorlesen)
Ich würde ihn mal als Harald Schmidt der Printpresse bezeichnen, der das Interviewgastdesinteresse eines Jan Böhmermann als Hipster-Attitude verinnerlicht hatte. Vermutlich fragt ihr euch, warum man ihn „The Shark“ nannte. Ganz einfach: Die folgende Kritik wurde später von Steven Spielberg spitznamensgebend verfilmt.

„The Shark“ über Eugène Ysaye

Eugène Ysaye, der große belgische Geiger, konzertiert in London. Shaw berichtet:

„Ysayes Konzert vorige Woche war das sensationellste, das wir diese Saison gehabt haben. Seine Entschlossenheit, Kunststücke, die für andere Geiger unausführbar sind, mit Kunststücken zu krönen, die für ihn selbst unausführbar sind, sowie seine abnorme Selbstbejahung zerbrachen und zerstörten wahrhaft das Beethovenkonzert. Seine Kadenzen, ungeheure Auswüchse aus den Sätzen, denen sie angenagelt, nicht aufgepfropft sind, haben keine Form und sind nur Muster von irrsinnig schwierigen Spielarten der Themen, die Beethoven vernünftig und schön vorgelegt hat.

Tröstlich ist, daß, da Ysaye sie selbst kaum spielen kann, wahrscheinlich niemand anderer überhaupt dazu imstande ist . …Joachim, dessen Kadenzen nebenbei viel besser sind als die Ysayes, nimmt als Interpret Beethovens seinen Platz neben dem Dirigenten und dem Orchester ein und verdeckt nie für einen Augenblick die Suprematie Beethovens. Wer aber kann an Beethoven oder überhaupt an Musik denken, wenn Ysaye titanisch sich und seine verblüffende Leistung betont, den Dirigenten mit den Ellbogen beiseite drängt, die paar Orchestermusiker unsichtbar macht und Beethoven nahezu die Tür weist?“

(Quelle: Stuckenschmidt: Glanz und Elend der Musikkritik, 1957, Seite 24-25)

Und nun die Verfilmung der Kritik:

 

Shaw hat die englische Musikkritik vulgarisiert, er hat den Heine’schen Feuilletonwitz auf die Spitze getrieben und gilt als Antagonist von Eduard „Hansi“ Hanslick, dem wir die Definition von Musik als „tönend bewegte Form“ verdanken.                Danke Hansi. Danke Sharki.

 

Nerd-P.S.: Ludwig funny Beethoven dachte sich:

»Hey, Yoco!* das Violinkonzert verkauf ich den Dummdödeln einfach auch als Klavierkonzert, why not?💰«

(*you only compose once)

Holger Kurtz

hat auf Anliegen seiner Eltern ("Mach doch besser was solides, Junge") von BWL zu Musikmanagement an der Universität des Saarlandes gewechselt. Dort hat er nach 323 Kaffees seinen Bachelor of Arts bestanden und studiert nun Musik- und Kulturmanagement (M.A.) in München. Mit seinen biblischen 24 Jahren hat er bereits alles erlebt und kennt das Internet noch aus der Zeit, als es noch schwarz-weiss war. Hört leidenschaftlich gerne Blues und ernste Musik. Die nmz wurde auf ihn aufmerksam, als er die nmz auf Twitte verbrannte und brennt selbst für Musikvermittlung. "Journalismus ist meine Kippe, aber Musik mein Nikotin." Peace I'm out.

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