50 Shades of Musikkritiker

Der Komponist Georg Friedrich Haas hatte vor ein paar Tagen in einem Interview bei VAN sein Coming out als dominant praktizierender BDSMler. Er lebt mit seiner devoten Ehefrau zusammen in New York.

Offen gesagt: Das ist mir und der gesamten MMAUVS-Redaktion eigentlich im positivsten Sinne des Wortes SCHEISSEGAL. Ich schreibe diesen Beitrag nicht wegen Haas, sondern vielmehr aufgrund einiger Reaktionen, aber ich kann ihn leider nicht komplett ausklammern.

Ob jemand lesbisch ist oder bi, polyamor durchs Leben geht oder den ersten Sex in der Hochzeitsnacht hat, ob jemand auf Blümchensex steht oder sich 12 Stunden täglich Hardcore-Pornos anschaut: Solange u. A. das Jugendschutzgesetz eingehalten wird und alle (indirekt) Beteiligten einverstanden sind, ist mir das herzlich egal bei einer Person, die ich aus persönlichen oder beruflichen Gründen kennenlerne.

Dazu ein kleiner Einschub: Ich halte nicht viel von allumfassender political correctness bzw. sehe das nicht als erstrebenswertes gesellschaftliches Ziel. Political correctness ist meiner Meinung nach nur eine Zwischenetappe. Ich würde uns als Gesellschaft gerne einen Schritt weiter sehen und halte es da eher mit Serdar Somuncu, der einfordert: „JEDE Minderheit hat ein Recht auf Diskriminierung.“ Natürlich ist das überspitzt formuliert. Im Grunde wünscht er sich Gleichberechtigung ohne distanzierte Steifheit, dafür mit einer ordentlichen Prise herzhaftem Humor in jegliche Richtung. Aber ich weiß auch, dass unsere Gesellschaft noch nicht so weit ist. Ich weiß, dass political correctness noch notwendig ist bzw. viele selbst diese erst einmal gedanklich erreichen müssen. Also halte ich mich artig und geduldig an die gemeinsamen Benimmregeln, gebe hier und da den An-die-Hand-Nehmer.

Und damit zurück zum Komponisten Haas – ja, genau, es geht hier und heute auch um Musik, um die Klassikszene bzw. ihren entsetzlich kindischen Umgang mit Haas.

Haas ist also kinky. BDSM ist mit Vorurteilen behaftet, gilt offensichtlich immer noch als krankhaft und pervers. Um diese zu widerlegen, erfordert es Mut, Offenheit und viel Geduld. Selbst Homosexualität ist immer noch nicht so normal wie es sein sollte, sein wird! … für die betreffende (ungleich: betroffene) Person. Für ihr soziales Umfeld. Und daher ist ein Coming out eben noch(!) wichtig, noch relevant. Auch als mutiges Zeichen für andere:

„Ich bin vielleicht anders, aber ich bin (trotzdem) normal.“

Daher ist Haas‘ Statement in zweifacher Hinsicht wichtig: Zunächst ist er eine Person der Öffentlichkeit und hat dadurch Vorbildcharakter. Respekt vor diesem Schritt! Und zum anderen – das schreibt er selbst – hat er (und die drei Ehefrauen und drei Kinder aus dieser Zeit?) jahrzehntelang darunter gelitten, diese Neigung zu unterdrücken, als abnorm zu verstecken. Der offene Umgang mit diesem Teil seiner Persönlichkeit macht sich seit kurzem wohl auch in seiner Komponier-Produktivität bemerkbar. Ganz unironisch: schön für ihn.

Ich muss nicht alles selbst praktiziert haben, aber ich muss verstehen, dass es Menschen gibt, die anders ticken. Das ist etwa wie bei Fans von unterschiedlichen Fußballmannschaften. Wer so krass hinter dem 1. FC Köln steht, dass er auf Anhänger von Fortuna Düsseldorf einprügelt, ist kein Fan, sondern ein Idiot.

Eine weitere Analogie: Man sieht einem Menschen meist nicht an, welche Fußballmannschaft er unterstützt – höchstens er hat sich ein Tattoo auf die Stirn stechen lassen oder das komplette Auto mit Vereinslogo-Aufklebern „verschönert“.

Über beides – Sexualität und dass man Köln-Fan ist – sollte man vernünftig reden dürfen, auch in Düsseldorf. Und genau das scheint mir in der durch das Haas-Interview losgetretenen Diskussion nicht der Fall zu sein.

Lass mir die WELT, wie sie mir gefällt

Manuel Brug (Die Welt) beschwert sich doch tatsächlich darüber, dass er Haas’ Musik nach dessen Publikmachung in einem anderen Kontext wahr- und aufnehmen müsse:

“[…] mag das tolerante Paar privat machen, was es will, aber muss das wirklich die Öffentlichkeit in so penetranter Form mitgeteilt bekommen? Coming Out als Fremdschämen?”

Dass es sich nach besagtem Coming out um den endlich richtigen Kontext handelt, bemerkt er nicht. Vielmehr fordert er mit einer kruden Auflistung von verstorbenen Komponisten, in denen er sexuelle Vorlieben und moralische bis gesetzliche Verfehlungen gedanklich gefährlich vermengt, dass solche “Unappetitlichkeiten” dem Kunstgenuss des Publikums doch wenn überhaupt nach dem Ableben des Künstlers zugemutet werden sollten:

“Mögen diese letzten Geheimnisse der Produktionsprozesse Neuer Musik uns erspart und zumindest bis zu ersten Post-Mortem-Biografie verborgen bleiben. Oder möchte Georg Friedrich Haas, dass wir uns jetzt bei seinem Konzert für vier Alphörner wirklich nur noch über Phallus- und Potenzfantasien Gedanken machen?”

Nein, möchte er nicht. Wie kommt man denn bitte auf solche “Gedanken”? Brug klingt für mich hier stark nach einem Kind, das sich Augen und Ohren zuhält, “Lalala” singt und von der komplexen Welt da draußen nichts mitbekommen will. Bedenklich ist vielmehr seine nostalgisch verklärte Kunstrezeption und seine verklemmte Haltung zu Sexualität.

Aber Brug setzt sogar noch einen drauf. Folgendes Bonmot mit seinem grenzwertigen Andeutungsirrwitz ist ein echter Schocker:

“Zwar hat er als guter Österreicher, der sich mit dem Treiben in Klöstern und Kellern offenbar gut auskennt, […]”

– damit wirft Brug einen Menschen, der unter Sex mehr versteht als Licht aus und Missionarsstellung, in einen Topf mit inakzeptablem verbrecherischem Handeln. Vor Staunen könnte einem der Unterkiefer brechen…

Der von mir sonst sehr geschätzte Moritz Eggert (Komponist, Blogger, undundund) schüttet leider zusätzliches Öl ins Feuer. Ob es sich bei seinem Offenen Brief an Georg Friedrich Haas um einen missglückten Satireversuch handelt oder der Blogbeitrag tatsächlich eine vor Futterneid, BDSM-Unverständnis und 50er-Jahre-Piefigkeit nur so strotzende geschmacklose Schmähschrift ist, muss jeder selbst entscheiden.

Einige Beispiele gefällig? Bitteschön.

Futterneid

“Seitdem Sie Ihre Sado-Seite ausleben schaffen Sie das, wovon viele Komponisten nur träumen können: nämlich endlich einmal den ganzen Tag lang zu komponieren ohne Rücksicht auf Verluste, 13 oder 14 Stunden lang. Die meisten von uns ‘Stinos’, also den stinknormalen Komponisten, die keinerlei geheimen Perversionen ausleben und im normalen Lebensalltag eher mit Steuererklärungen und vollgeschissenen Windeln zu tun haben als mit Streckbänken oder gynäkologischen Stühlen, können sich ja kaum noch daran erinnern, jemals so viel Zeit für Stücke gehabt zu haben.”

Wir erinnern uns: Haas meinte hauptsächlich, dass das Coming out für ihn eine gedankliche Entlastung und Befreiung darstellt.

BDSM-Unverständnis

“Da kommt mir eine Idee: Da Sie ja der Meister einer Sklavin sind, die alles tun muss, was sie ihr befehlen, wäre es doch nicht unmöglich, diese mal zu mir zu schicken. Und zwar immer dann, wenn es mal pressiert. So was kennen wir ja aus der ‘Geschichte der O.’, die musste auch immer zu wildfremden Männern, weil das noch viel geil erniedrigender ist.”

Bei positivster Auslegung ist das immer noch mindestens naiv-tumber Stuss. Wenn man es drauf anlegt, kann man aus dieser Passage auch ein bewusstes Missinterpretieren von Sadomaso herauslesen, ein gefährliches Zündeln im Bewusstsein der eigenen Meinungsmacht bei der Leserschaft.

50er-Jahre-Piefigkeit

“Sie sehen schon: ich bin ob so viel Lack-und Leder-Erotik schon ganz verwirrt, das ist ja auch fast eine Tortur, sich ständig so was vorzustellen, was man gar nicht wirklich vor dem inneren Auge sehen will. Vor meinem inneren Auge sehe ich nämlich lieber Audrey Hepburn in ‘Frühstück für Tiffany’, oder Betty Draper, und wenn ich an diese netten Damen denke habe ich eher so ganz liebevolle und normale Gedanken. Aber bei Ihnen sehe ich jetzt immer so Schweiß und Handfesseln und Streckbänke und erzwungene Kopulationen und verschmierte Dildos, und das will ich eigentlich gar nicht, echt nicht.”

Definitiv Buttplug-Alarm.

Zur Meinungsbildung empfehle ich übrigens auch die intensive und teilweise irrsinnige Diskussion unter Eggerts Facebook-Post.

Fazit

Ich finde es erschreckend, dass diese gesamte Diskussion geführt wird; ja, geführt werden muss. So viel Unvernunft und Spießigkeit hätte ich dem Kultur-Bildungsbürgertum nicht zugetraut; und mir nicht, dass ich einmal empfehlen würde, den wirklich öden Hausfrauen-Porno “50 Shades of Grey” als Horizonterweiterungsmaßnahme anzusehen…

Hoffentlich reden wir bald wieder über Musik an sich. Wenn es nötig ist für das Verständnis eines Künstlers und seines Schaffens, dann auch mit Bezug auf seine Sexualität. Oder seine Lieblingsmannschaft. Aber bitte vernünftig.
Anmerkung: Die VAN-Redaktion hat sich ebenfalls zu den Reaktionen von Kommentatoren und Lesern geäußert.

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden. Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz. War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement in LU, jetzt MA) der Ernst des Lebens beginnt.

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2 Antworten

  1. Schreib doch mal lieber darüber, wie wirklich angepisst Olga Neuwirth über die unerträglich chauvinistische VAN-Redaktion war, und das zu Recht.

    In dieser ganzen Diskussion wurden allen möglichen Leuten alle möglichen Motive unterstellt. Dass Manuel Brug gar nicht geht, darüber sind wir uns doch einig. Aber warum mein Artikel – ob nun beschissen, daneben oder nicht (Provozieren ist die Aufgabe des Bad Blog, dafür würde ich mich nie entschuldigen) immer wieder als „Satire“ mit Anführungszeichen zitiert wird, wenn es eindeutig und mit auch nur ein bisschen Intelligenz (die der VAN-Redaktion komplett abzusprechen ist) als Satire erkennbar ist, ist zum Kotzen.
    Und warum ist man automatisch ein „Spießer“, wenn einem tiefere Kenntnis von BDSM einfach nicht so wichtig ist? Warum dürfen in einer Satire keine Klischees wie das dämliche „Shades of Grey“ benutzt werden? Wird es witziger, wenn ich BDSM-Insidersprache verwende? Wohl kaum.

    Und ist es verwerflich, wenn einem (wie Olga Neuwirth und mir) das stolze mediale Herausposaunen wie wahnsinnig geil es ist, Frauen zu quälen, schon auch ein bisschen frauenfeindlich vorkommt? Ein BDSM-Outing ist schon auch etwas völlig anderes als ein Outing der eigenen sexuellen Ausrichtung, dennoch wird es ständig gleichgesetzt. Nein, es ist nicht dasselbe.

    Letztlich geht es doch nur um eines: irgendeinen kinky-Aufhänger zu finden, um über Neue Musik zu schreiben, die der VAN-Redaktion ansonsten herzlich wurscht ist (da sie nicht wirklich was damit anfangen kann, wenn es über Fazil Seicht hinausgeht).

    • Philipp Krechlak sagt:

      Hallo Moritz,

      danke für deinen Kommentar!

      Von Empörung bei Olga Neuwirth habe ich nichts mitbekommen. Ich habe das VAN-Interview mit ihr gelesen, aber konnte da keine Wut o.ä. über VAN erkennen. Ich bin ggf. nicht allumfassend informiert. Gibt es andere Quellen? Würde mich über eine Info sehr freuen!

      Provozieren und (Ver)querdenken ist in der Tat ein eindeutiges und in 99% eurer anderen Blogbeiträge genüsslich zu lesendes Merkmal des Badblog, das stimmt. Jedoch sticht dein Beitrag irgendwie aus der Masse heraus (da sind wir uns sicher einig, sonst hätte es nicht diese heftigen Diskussionen gegeben).

      Zum „Satire“-Vorwurf:
      Durch was sticht der Artikel aber so heraus? Sicherlich durch deine Intention, die du dabei hattest, und da kann ich nur vermuten und freue mich über Details deinerseits.
      Und definitiv eben auch durch seine Wirkung. Bei mir, bei vielen anderen. Und dazu habe ich mir eben Gedanken gemacht (s. mein Blogpost). Weil das auch für euch wichtig ist, auch als Rückmeldung. Weil ein Text ja nicht nur VOM Autor kommt, sondern auch ZUM Leser. Aber jetzt wird es vielleicht zu grundsätzlich, zu trivial.

      Der VAN-Redaktion komplett die Intelligenz absprechen? Das ist sicherlich eine im Eifer des Gefechts gemachte Überspitzung, die ich nicht kommentiere(n muss). 🙂

      Zum BDSM-Fachwissen: Ich weiß noch nicht einmal, ob ICH das habe. Mal ein bisschen Marquis de Sade gelesen, hier und da was aufgeschnappt.
      Zum Spießer-Vorwurf: Wenn man sich nicht dafür interessiert, ist das nicht spießig.
      Wenn jemand aber sagt/schreibt/meint „DAS WILL ICH GAR NICHT WISSEN, LALALA!!!11!!elf!“ (ggf. sogar mit der Begründung, dass dann der eigene Musikgenuss darunter leidet), dann halte ich das für definitiv spießig.

      Shades of Grey: Ich hab‘ das Buch nicht gelesen, aber wenn du das „dämlich“ auch für den Film gelten lässt, dann sind wir da einer Meinung. 🙂
      Klar kann man Klischees aus dieser Klischeevorlage verwenden für eine Satire. Der Punkt ist aber doch, dass es eben nicht bzw. schwierig so rüberkommt, ob/dass es Satire ist.

      Zum Vorwurf der „Frauenfeindlichkeit“: Es gehört eben zu SM, dass es auch devote Menschen gibt. In diesem Fall ist es eben eine Frau, eine schwarze noch dazu, die sich über ihren weißen Masta (oder so ähnlich) freut. Wenn sie (und er) darauf steht, nun gut… Aber man muss aufpassen, dass man nicht Äpfel mit Dirnen verwechselt:
      Bei seinem Outing geht es doch nicht in allererster Linie darum, dass er Lust daran empfindet, als weißer Mann eine Schwarze zu quälen, sondern generell darum, dass er BDSMler ist. Ersteres ist in dem Interview eher ein Nice-to-know bzw. nachdem seine Frau wohl sehr offen damit umgeht, eh ein offenes Geheimnis, das ausgesprochen werden kann.
      Also im Grunde genommen handelt es sich bei dem vorliegenden Interview gar nicht so richtig um ein Outing, sondern nur um die (sexuellen) Umstände und die Auswirkung auf seine Musik. Also ich kann da von seiner Seite aus echt nicht erkennen, dass er das aus Marketingmaßnahmen gemacht haben könnte. Aber vielleicht weiß ich da zu wenig über die Szene der zeitgenössischen Musik. Ich freue mich immer über neuen Input. 🙂

      Und dann noch die Frage, warum denn ein BDSM-Outing nicht vergleichbar ist mit einem Outing der eigenen Sexualität. Das kann ich nicht nachvollziehen. Ich kann da nur auf das halb-wissenschaftliche Wikipedia als erstem Anhaltspunkt verweisen: https://de.wikipedia.org/wiki/Coming-out#Hintergrund

      Zum „kinky-Aufhänger“: Ich glaube der Redaktion tatsächlich, dass es keine Aufmerksamkeitsgier war (wobei das Medium natürlich wirtschaftlich tätig ist und demzufolge sich auch über die erweiterte Aufmerksamkeit durch den Artikel und die anschliessende Diskussion NICHT ärgern wird, im Gegenteil), sondern sich durch das intime Schüler-Lehrer-Verhältnis beim Interview so ergeben hat.
      Ich verfolge VAN fast schon seit Anfang an, aber wenn man ihnen Boulevard-Journalismus o.Ä. vorwerfen wöllte, dann wäre dieser Artikel tatsächlich der erste(!), bei dem man das mit ein bisschen Haareziehen erkennen könnte.

      (Den mit Fazil Seicht muss ich mir merken. 🙂 )

      Heftiger Vorwurf deinerseits bzgl. Umgang von VAN mit Neuer Musik. S.o.: ich bin da evtl. (noch) nicht der allerbestens Informierte, aber hatte bisher nicht den Eindruck, dass da nur ein Flachwasser-Zugang zum Thema da wäre oder ein flacherer Zugang als zu allen anderen Themen. Lösungsmöglichkeit dafür wäre doch, dass du selbst Artikel dort schreibst, um das Angeprangerte zu korrigieren. Ich würde mich über Texte freuen. 🙂

      Philipp

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