Madama Butterfly im Pokalfinale

Treffen sich ein amerikanischer Leutnant und eine japanische Geisha; und alle singen auf Italienisch. Kein Witz, sondern Giacomo Puccinis Oper: “Madama Butterfly”.

Die Deutsche Oper Berlin zeigte am 30. Mai die letzte Aufführung dieser Spielzeit. Finale.

Die DOB (Name des Regisseurs? Hmmmmmmm… hab ich vergessen) inszenierte sehr klassisch und historisch und lame. Daher liegt es nun an mir, einen Gegenwartsbezug herzustellen:

Ungefähr zeitgleich zur Vorstellung ertönte der Anpfiff zum Pokalfinale im Berliner Olympiastadion. Wolfsburg spielte gegen Dortmund. Zwischen siffigen Fussballtrikots mit feiner Biernote quetschte ich mich in die U12, um an der Deutschen Oper auszusteigen. Die gute Stimmung und die Fangesänge fuhren leider weiter gen Pokalfinale.

Für alle, die die Oper nicht kennen ( ich kannte sie vorher auch nur vom Namen her), hier mal eine Zusammenfassung:

Pinkerton, ein amerikanischer Leutnant, macht Sexurlaub in Nagasaki (Japan) und heiratet die dort lebende Geisha “Butterfly”. Er will sich – in bester Berlin-Manier – nicht festlegen und weiß, dass es ihn bald wieder nach Amerika zieht, um dort eine “richtige” Frau zu ehelichen. Butterfly gibt sich ihm jedoch bedingungslos hin: Sie konvertiert zu seinem Glauben und richtet ihr ganzes Leben nach ihm aus. Dafür wird sie nicht nur von allen Feministinnen im Publikum verachtet, sondern auch aus ihrer gesamten Sippe ausgestoßen. Spoiler: Pinkerton verlässt sie und kommt erst drei Jahre später zurück. Währenddessen vereinsamt und verarmt die kleine Butterfly, verliert jedoch nie den Glauben daran, dass ihr geliebter Pinkerton bald zurück kommt und alles gut endet. Es kommt natürlich ganz anders, ist ja kein Disney-Musical.

Wie wird es wohl enden? Es gibt drei klassische Opern-Möglichkeiten:

a) Sie stirbt,

b) er stirbt oder

c) beide sterben.

Auflösung:

Pinkerton kehrt zwar zurück, aber nur, um seinen Sohn abzuholen. (Ach ja, hatte ich vergessen zu erwähnen: Der potente Pinkerten hatte sie ungewollt geschwängert). Feige wie er ist – an diesem Mann ist wahrlich nichts Gutes zu finden – schickt er seine amerikanische Frau vor, um Butterfly zu überreden. Butterfly ist natürlich begeistert von dieser Idee und freut sich, dass ihr Sohn von ihr getrennt wird. Butterflys Welt bricht dadurch zusammen. Sie lebte jahrelang im Glauben daran, dass die Liebe ihn zurückbringen würde. Dass ihre völlige Hingabe nicht naiv war, sondern die Konsequenz der reinen Liebe. Was hatte sie denn noch außer dieser Hoffnung? Nichts, selbst ihren Sohn sah sie als Versicherung dafür, dass Pinkerton zurückkommen würde. Arme Butterfly. Arme, süße Butterfly. So naiv und dumm sie auch ist, um ihrer Fähigkeit bedingungslos und einmalig zu lieben, kann man sie nur bewundern. <3.

Die gesamte Oper lässt sich mit der Misere vergleichen, wenn man nach einem One-Night-Stand so schnell wie möglich weg will, aber die Bettgefährtin bereits über die Innendekoration der zukünftigen, gemeinsamen Wohnung nachdenkt und geistig bereits an einem Samstag Morgen – Hand in Hand – durch’s IKEA schlendert. Puccini vertont genau dieses Gefühl. Aber aus Sicht derFrau.

Butterfly versetzt ihrem zarte Leib einen Dolchstoß und hört im Taumel des langsamen Todes zum letzten Mal die Worte Pinkertons, der sie verzweifelt bei ihrem Namen zu rufen scheint. Oder einen echten Butterfly gesichtet hat über den er sich ganz dolle freut, ihn aber nicht zu fassen bekommt.

Die Oper endet mit einem Solostück von Pinkerton, in das erst der Chor und dann das ganze Publikum mit einstimmt: https://www.youtube.com/watch?v=tBbI7TQGHj0*

Puccinis Musik wird häufig als “Kitsch” bezeichnet, da sie sehr an Filmmusik erinnere. Aber hey, scheiß drauf! Milan Kundera schrieb einmal: “Kitsch ist die absolute Verneinung der Scheiße”. Wenigstens für einen Abend ist das doch eine schöne Sache und kontrastiert die Scheiße, die der armen Japanerin zustößt. Etwas Kitsch hätten sich die Dortmunder sicher auch gewünscht.

Hoffnung, Liebe und Hingabe beherrschten beide Spielorte. So hofften die Dortmunder Fans auf einen Sieg. Diese wurde anfänglich durch das 1:0 befeuert – die Zukunft schien sicher und die schwitzenden Trikotträger wähnten sich im Glück. Das Glück ist jedoch eine Hure. So verließ es die Dortmunder mit pinkerton’scher Erbarmungslosigkeit. Voller Hingabe kämpften die Dortmunder Fans dagegen an, die Niederlage zu akzeptieren. Selbst im Angesicht des 1:3 Torverhältnisses verneinten sie die Scheiße und versperrten sich der Realität.

Mit dem Abpfiff durchstach die Gewissheit jede Hoffnung. Es war vorbei. Aus. Ende. Keine Chance auf ein Happy-End. Alles verlieren kann nur, wer vorher alles gegeben hat. Bier auf, Frust raus.

Auf der nächtlichen Heimfahrt in der U-Bahn dann das umgekehrte Spiel: Gute Stimmung bei den Opernfans, enttäuschte Gesichter der Dortmunder. Hoffentlich sah sich niemand genötigt, ein Butterfly-Messer zu gebrauchen.

*Hätte auf jeden Fall so enden können.

Holger Kurtz

hat auf Anliegen seiner Eltern ("Mach doch besser was solides, Junge") von BWL zu Musikmanagement an der Universität des Saarlandes gewechselt. Dort hat er nach 323 Kaffees seinen Bachelor of Arts bestanden und studiert nun Musik- und Kulturmanagement (M.A.) in München. Mit seinen biblischen 24 Jahren hat er bereits alles erlebt und kennt das Internet noch aus der Zeit, als es noch schwarz-weiss war. Hört leidenschaftlich gerne Blues und ernste Musik. Die nmz wurde auf ihn aufmerksam, als er die nmz auf Twitte verbrannte und brennt selbst für Musikvermittlung. "Journalismus ist meine Kippe, aber Musik mein Nikotin." Peace I'm out.

Das könnte dich auch interessieren …

2 Antworten

  1. Sophielicious sagt:

    Diese Zusammenfassung sollte jemand in Wikipedia stellen.

    • Holger Kurtz sagt:

      Das hätte allerdings zur Folge, dass diese Zusammenfassung auch in 90% aller Hausarbeiten und Referate über Madama Butterfly vorkommt 😀

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht.

Diese Website verwendet Akismet, um Spam zu reduzieren. Erfahre mehr darüber, wie deine Kommentardaten verarbeitet werden.