Die Ruhe vor dem Applaus | Neuland.Lied #hdf17

Ich gehöre zu der Art von Konzerthörern, die nach einem Werk erst sehr spät und zögerlich in den Schlussapplaus mit einsteigt. Auch bei Musik, die mich mitreißt und enthusiastisch zurück lässt. Der Moment der Stille direkt danach gehört für mich dazu. Einerseits würdigt er die Darbietung, andererseits kann ich langsam zurückkommen in die Realität meines unbequemen Sitzplatzes und das Gehörte reflektieren.

Deshalb war und bin ich für die Einführung eines strikten No-Clap-Korridors. Auch dann, wenn es einem musikalisch weiter denkenden Dirigenten dank Körpersprache gelingt, den Spannungsmoment eine Weile lang zu erhalten. Besonders nach leisen Schlüssen müsste man noch locker 30 Sekunden drauf setzen. Oder in der Partitur dazu komponieren. Das fürs Publikum mögliche Ergebnis: reflektieren statt reagieren. Der Musik nachhorchen. Im Raum und in sich. Ganz selten gibt es diese Momente, in denen sich keiner traut, mit dem Klatschen zu beginnen, und das ist jedesmal wundervoll.

Still – ein inszenierter Liederabend – eine Veranstaltung im Schwerpunkt Neuland.Lied beim diesjährigen Heidelberger Frühling versprach das perfekte Setting für so einen magischen Augenblick: eine abgeschiedene Industriehalle, eine Sängerin, ein leiser Lautenspieler (höhö), zwei Tänzer und die Auswahl von in ihrer Anlage schon intimen Liedern aus der Zeit um 1600, die damals in privatem Kreise aufgeführt wurden. Der Titel „Still“ war Ausgangspunkt und Charakteristikum des Bühnengeschehens in einem.

Foto: Bernd Uhlig / Heidelberger Frühling

 

Stiller als Sirenen

Alle erzeugten Klänge der die Lieder behutsam einbettenden Choreografie – auch die, die man sich denken musste – waren sehr reduziert: bedächtiges auf-der-Stelle-Treten auf grobem Schotter, Hände waschen über einer Wasserschüssel, zwei Glöckchen, die aneinander geschlagen wurden, ein zaghaft verwendeter Rainmaker.

Die Atmosphäre war innig und heimelig. Selbst die einmal vielstimmig einsetzenden, bedrohlichen Sirenen, die versuchten, die Stadt da draußen wieder in Erinnerung zu rufen, vermochten nicht die erzeugte Stimmung zu stören. Das nah zusammengerückte Publikum lauschte weiter intensiv.

Und trotzdem: direkt nach dem finalen Lightout aufbrandender Applaus, Bravorufe. Eine harte Landung statt eines sanften Wiederankommens in der Realität.

Warum ist das so? Besserwisserisches „Ich wusste als erster, wann das Stück aus ist und man klatschen darf“? Die Angst vor der Stille? Keine Lust auf mit-sich-selbst-allein sein?

Ich verstehe das nicht.

In unserem Lexikon – mit allem und viel scharf haben wir uns intensiver mit den unterschiedlichen Applausarten auseinandergesetzt.

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden. Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz. War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement in LU, jetzt MA) der Ernst des Lebens beginnt.

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3 Antworten

  1. Kreidler sagt:

    Ich wäre für die komplette Abschaffung von Applaus – http://www.kreidler-net.de/theorie/kreidler__gegen_applaus.pdf

    • Philipp Krechlak sagt:

      Interessant und noch deutlicher als hier bei mir. 🙂
      Aber (da ich vermute, dass dein Wunsch zu 99% ernst gemeint ist): Du sprichst vom Klatschverbot bei neu komponierter Musik so davon, als ob du nur Ur- bzw. Erstaufführungen meinst – also in dem Argumentationsstrang, dass man ja erst darüber reflektieren müsse, was man da soeben gehört habe. D.h., dass du eigentlich kein generelles Klatschverbot damit forderst, sondern nur den Leuten „verbieten“ willst, dass sie beim individuell ersten Hören eines Stückes nicht klatschen.
      Jaaa, eventuell nehme ich deinen Artikel etwas zu „ernst“, aber die Anregung / (streberhafte) Korrektur wollte ich dann doch noch los werden. 🙂

  1. 11. April 2017

    […] Weiterführende Informationen:  Heidelberger Frühling Mmauvs: Die Ruhe vor dem Applaus | Neuland.Lied #hdf17 Mmauvs: Bitte wenden. | Neuland.Lied […]

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