Ein postf**ktischer Jahresrückblick | Teil 2

Man solle im Jahr 2016 nicht mehr von Neuer Musik sprechen, postuliert ein prominenter Leipziger Komponist ausgerechnet in der neuen musikzeitung, und zeiht seine Genossen der Zeitgenossenschaft. Sicherlich: Das Neue von heute ist das Vorgestrige von übermorgen, und nicht jeder kann ein Bruno Moderna sein. Aber im postf**ktischen Zeitalter sind dies doch ohnehin nur noch leere Kategorien. Ich halte es lieber mit dem kategorischen Infinitiv (»Erst Altes hören, dann Neues reden«) und versuche mich an einem unvoreingenommenen Jahresrückblick zum Gegenwartsmusikleben. Vergessen wir dabei niemals: Jede Musik wird von Kompromisten gemacht, jede Notation ist Nötigung, und jede Musikkritik ist Protesk. Wer bei diesem Spiel mitmacht, hat eh schon verloren. Oder gewonnen, je nach Perspektive.


II. Vong Kompronieren her

Komponieren findet Stadt: Dietrich Buxtehude, Friedrich Kiel, Paul Dessau, Jacques Offenbach. Klick um zu Tweeten

Barock

Dass bereits in der Barockzeit mit Leitmotiven gearbeitet wurde, ist eine musikhistorisch noch wenig erschlossene Tatsache. In Bachs Arie »Buß und Reu« erklingt, semantisch durchaus nachvollziehbar, an prominenter Stelle das Tut-mir-Leid-Motiv. Hingegen spielt in der Arie »So oft ich meine Tobackspfeife« das Marlboro-Light-Motiv eine tragende Rolle. Ein weiteres bislang unbekanntes Faktum ist, dass Händel und Grétry gemeinsam eine Märchenoper namens Engel Bert komponiert haben, die fälschlicherweise unter dem Titel Humperdilzchen veröffentlicht wurde. Verschwiegen wurde weiterhin, dass Carl Twitters von Twittersdorf, nachdem er im Jahre 1772 die Sängerin Nicolina Trink (hic!) geehelicht hatte, sich mit seiner Gemahlin umgehend in die Twitterwochen begab. Der Librettist und Aktionskünstler Kurt Twitters tat es ihnen 1915 gleich.

Klassik und Romantik

Auch aus der Musikgeschichte des 19. Jahrhunderts wird bisweilen Ungeahntes zu Tage gefördert. Nachdem bereits hinlänglich bekannt sein dürfte, dass der Späthoven im Finale der »Hammerklavier-Sonate« op. 106 seine Befugnisse überschritten hat, wurde nun zu Recht darauf hingewiesen, dass die Endfassung des Streichquartetts op. 130 völlig unbefugt ist.

Oft übersehen wird auch der Umstand, dass Rossini durch Lehrbücher von Heinrich Christoph Koch und Johann Peter Kellner inspiriert wurde, als er seine Komponisten­laufbahn durch eine späte Karriere in der Gastronomie krönte. Indessen war Franz Liszt vermutlich nicht gegen Tritonus geimpft, und auch nicht gegen HB-Titis. Anders ist es kaum zu erklären, dass er chromatisch an einer Ton-Sillitis erkrankte und jede seiner lymphonischen Dichtungen voller Ton-Eitern steckt. Schön ist das nicht.

Gegenwart

Musikerinnen und Küchenchefs schätzen den Komponisten Enno Poppe vor allem auf Grund seiner appetitanregenden Werktitel (Brot, Salz, Obst, Trauben). Kinofreunde warten nun sehnlichst auf eine weitere nahrhafte Popp-Cornposition namens Mais. Liebhaberinnen elektronischer Tasteninstrumente und Kenner nah-östlicher Musikkultur kommen dagegen bei Hanspeter Kyburz auf ihre Kosten, denn Kyburz komponiert im Kibbuz für Keyboards. Wieder ein wenig anders verhält es sich bei einem vor Kurzem anlässlich seines achtzigsten Geburtstags geehrten Künstler:

Hans Zender heißt der Dirigent,
Der Zen-TendenZen trennt deZent.
TransGender heißt der neue Trend,
Der Zentren zeugt so transZendent.

Einige Notizen zur bereits kanonisierten kompositorischen Richtung der Spektralmusik dürfen an dieser Stelle nicht fehlen: Schreibt Tristan einen Kanon, so handelt es sich um eine »Engführung aus dem Murail«. Zu den Enthüllungen des Herrn Haas (»an Austrian in New York«), so ermüdend sie manchen Menschen auch mittlerweile erscheinen mögen, seien noch die folgenden Überlegungen ergänzt: Wenn C-Dur die Auflösung für den Akkord gfh ist, so stellt Mollena die Erlösung für GFH dar. Und besonders kinky ist vielleicht der Umstand, dass diese Initialen einen Natursekt enthalten: F über G. – Potztausend, was schrieb ich da? Ich meinte natürlich Natursept.

Und nun zum Fußball

Jetzt entschuldigt mich bitte, ich muss den Fernseher einschalten. In der Composer EuroLeague spielt heute der FC Scelsi London gegen Ferneyhough Rotterdam.

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