Ein postf**ktischer Jahresrückblick | Teil 4

Man solle im Jahr 2016 nicht mehr von Neuer Musik sprechen, postuliert ein prominenter Leipziger Komponist ausgerechnet in der neuen musikzeitung, und zeiht seine Genossen der Zeitgenossenschaft. Sicherlich: Das Neue von heute ist das Vorgestrige von übermorgen, und nicht jeder kann ein Bruno Moderna sein. Aber im postf**ktischen Zeitalter sind dies doch ohnehin nur noch leere Kategorien. Ich halte es lieber mit dem kategorischen Infinitiv (»Erst Altes hören, dann Neues reden«) und versuche mich an einem unvoreingenommenen Jahresrückblick zum Gegenwartsmusikleben. Vergessen wir dabei niemals: Jede Musik wird von Kompromisten gemacht, jede Notation ist Nötigung, und jede Musikkritik ist Protesk. Wer bei diesem Spiel mitmacht, hat eh schon verloren. Oder gewonnen, je nach Perspektive.


IV. Vom akademischen Leben

Die Quinten steigen? Mir doch plagal. Klick um zu Tweeten

An vielen Universitäten finden derzeit musikwissenschaftliche Ringvorlesungen statt. Darin kommen aber in der Regel weder Wagner noch Tolkien vor, was etwas enttäuschend ist. Dafür konnten endlich neue Herausforderungen für die partytour-affine Ethnomusikologie formuliert werden: Die Funktionen der Bağlama am Ballermann und der Balalaika am Balaton sollten dringend näher untersucht werden. Außerdem konnten folgende Forschungs- und Publikationsdesiderate für das nächste Jahr identifiziert werden: »Zarlinos Einfluss auf Zerlina« (herausgegeben von Zaminer) und »Virginalmusik von Scheidt im Möseler-Verlag« (offensichtlich ein Thema für die Gender Studies).

Mit neuen Erkenntnissen wartet auch die Tonmeisterabteilung der Berliner Universität der Künste auf: Musik von Cassadó klingt auf Tonband besonders gut, und ein Field Recorder eignet sich vorrangig zur Aufzeichnung von irischer Klaviermusik. Andererseits wird nachdrücklich davon abgeraten, Madrigale mit einem Motettenrecorder aufzunehmen.

Funktionstheorie

Noch immer treibt in deutschen Musikhochschulen die Funktionstheorie ihr Unwesen, und das, obwohl die Leitereigenschaft bei Majoren bekanntlich schon im frühen 20. Jahrhundert abgeschafft und durch chromatische Dienstgrade sowie freie Leihtöne ersetzt worden ist. Auch Kaiser Toni Karl darf mittlerweile nur noch eine einzige Dominante haben. Jedoch gilt nach wie vor: Wer von Dresden (DD) nach Torgau (TG) zieht, ist auch in der Lage, nach der Doppeldominante den Tonika-Gegenklang zu spielen – ein satztechnisches Sakrileg, das sich in Sachsen noch hartnäckig gehalten hat. Mit Hilfe von Funktionssymbolen lässt sich immerhin noch das politische Parteienspektrum recht adäquat beschreiben (siehe Abbildung).

 

(a) Der sozialdemokratische Halbschluss.

(b) Der nationalistische Querstand.

 

 

 

[Wie klingen Parteien? Wir haben es analysiert: hier.]

Music, the Food of Love

Eine weitere Tendenz in der musikalischen Analyse: Es wird interdisziplinär. Neuerdings lassen sich Restaurantkritiker von der Musiktheorie inspirieren und verwenden für die Beurteilung von in Schichten organisierten Speisen bevorzugt die Schenkeranalyse. So spielt sich die raffinierte Ausfaltung der Lasagne (eine wahre Schenkersmahlzeit!) bevorzugt im tomatensaucengesättigten Mittelgrund ab, während der unterste Tortenboden, vom Ursatz durchtränkt, zum Schauplatz eines prolongierten Quarkzugs wird. Alles klar?

Formen und Tonarten

Kürzlich schlug mir eine zwielichtige russische Notendatenbank die folgende Übersetzung vor: »Scores and Parts« bedeute angeblich »Spielstände und Ersatzteile«. Das leuchtete mir unmittelbar ein. Weiterhin wäre ich nicht überrascht zu erfahren, dass die dreiteilige Liedform mit verdoppelter Mittelepisode (ABBA) das charakteristische Formprinzip der meisten Lieder einer gewissen schwedischen Popband sei.

Nachdem mir zu Ohren kam, dass in der musikalischen Elementarpädagogik die frühgische Skala eine bedeutende Rolle spielt, habe ich letzte Woche vor dem Späti Frühgisch gesungen und fühlte mich dabei mächtig subversiv. Schlaflieder übrigens, und dies kann ich als Familienvater mit Sicherheit kundtun, stehen grundsätzlich in G-Dur, denn G-Dur ist die Dorminante. Nebenbei bemerkt: Jeder Monat hat seine Tonart – im wilden Dezember stehen traditionell viele Kompositionen in Excess-Dur, mit Modulation nach Vergiss-Moll. Für das neue Jahr wünsche ich mir von meinen Lieblings-Musikkomödianten, Sebastian Krämer und Ass-Dur, neue Alben mit den Titeln Kräm de la Kräm und Per aspera ad Ass-Dur.

Ausblick

Zu guter Letzt noch eine Bürgerinformation der Kontrapunktpolizei: Kriegt eine Septime den Vorhals nicht voll, ist sofort eine a-septische Lösung oder ein Tonikum zu applizieren; andernfalls droht eine schwere Zeit. Bei unbeabsichtigten Querständen tut es auch eine Quint-Essenz. Zu Risiken bei Nebennoten fragen Sie Ihren Durchgangsarzt. Ein frohes und erfolgreiches neues Jahr!

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