Gastbeitrag: Reproduktion statt (R)evolution – Teil 1

Gruß zurück!

In unsere große und traditionsreiche Reihe von Zusendungen gesellt sich jetzt ein zweiter Gastbeitrag. Selbstkritisch, wie wir vorgeben zu sein, und als Vorreiter in Diskriminierungsfragen (#frauenquote #unnerum) stellten wir beim „Lesen“ unserer eigenen Texte fest, dass klassische Musik bei uns bisher zu gut weg kommt.

Wir sind für Gleichberechtigung und fordern daher frei nach Serdar Somuncu auch für die Klassik:

Jede Minderheit hat ein Recht darauf, diskriminiert zu werden Share on X

Wir haben dafür Mathias Rehfeldt als Null-Euro-Jobber angestellt. Mathias studierte Komposition für Film und Medien sowie Kirchenmusik. Er betreibt eine Künstleragentur und ein Label in München. Er gibt Improvisationskonzerte zu Stummfilmen in Deutschland, Kanada und in den US and A. Offensichtlich schreibt er neben Konzert- und Filmmusik auch Texte. Teil 1, Take 1, uuuuund action!

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Besucht man heutzutage ein klassisches Konzert ohne zuvor einen Blick auf das Programm zu werfen, würde man in der Regel dennoch recht genau erahnen können, was einen erwartet. Etwa eine Mozartouvertüre, eine Symphonie von Beethoven, Mendelssohn oder gelegentlich auch Bruckner und ein meist romantisches Solokonzert. Gelegentlich angereichert mit dem einen oder anderen Lückenfüller eines unbekannteren Komponisten. Meist alte, erprobte Literatur, die läuft. Warum auch anders? Klassische Konzerte erfreuen sich eines Booms. Laut letzter erhobener Studie der GfK wurde in Deutschland 2011 mehr Geld mit Konzerten klassischer Literatur umgesetzt als mit Pop und Rock. Innovation wird dennoch in den meisten Konzertprogrammen nur groß geschrieben, weil es ein Hauptwort ist.

War das immer so?

Ist die klassische Musik grundsätzlich eine konservative, immer auf “Nummer Sicher” gehende Unterhaltungsform?

Nun gab es aber auch eine Zeit, in der diese Musik geschrieben wurde. Eine Zeit, in der die Musik wirklich innovativ und provokant war und eine gehörige Portion Pioniergeist hatte (gut, brav gab es auch damals). Schostakowitsch riskierte Hals und Kragen mit seiner Musik. Schlief auf gepackten Koffern, ständig in Angst, aufgrund seiner Haltung gegenüber dem kommunistischen System verschleppt zu werden. Schönberg gab dem Publikum 1913, mit seinem berühmten Skandalkonzert, eine gehörige musikalische Watschn. Andere Komponisten führten zumindest ein gewisses Rockstar-Dasein und setzten kompromisslos ihre innovativen Visionen durch (Wagner, Mozart…).

Und täglich grüßt das Mozarttier Share on X
Gruß zurück!

Gruß zurück!

Was ist davon heute noch übrig? Sind das alles jetzt nur noch Museumsstücke, die es zu erhalten gilt? Erwartungen, die man als Konzerthaus oder Symphonieorchester erfüllen muss – “Und täglich grüßt das Mozarttier”? Sind teuer an den Musikhochschulen ausgebildete Künstler nur bessere Museumsführer durch die Welt des Vergangenen? Reproduzenten, die gebetsmühlenartig Interpretationen wiederholen anstatt Revoluzzer, die der Gesellschaft einen Spiegel vorhalten (wie so oft die Kunst beschrieben wird)?

 

Der ausgestreckte Mittelfinger des Klassikbetriebs

 

 

Ich habe mir einmal die Freiheit genommen einige Konzertprogramme namhafter Orchester zu untersuchen und sie nach Epochen geordnet zusammenzufassen (siehe Grafik). Auffällig ist, dass zwar Modernes durchaus gespielt wird. Wobei modern hier eher als Literatur vom Anfang bis zur Mitte des letzten Jahrhunderts zu verstehen ist. Neukompositionen oder Literatur der jüngsten Vergangenheit sucht man vergeblich in den regulären Konzertprogrammen. Übrigens kein rein europäisches Phänomen.

Mir drängt sich da unweigerlich das Bild einer entkernten Musik auf. Die Werte, die sie einst hatte, sind mittlerweile zu anderen Musikrichtungen weitergezogen: Die Systemkritik Schostakowitschs ging weiter zur Punkmusik, die Auseinandersetzung mit den Tiefen des menschlichen Daseins Schönbergs haben Musiker wie Steven Wilson zu sich genommen.

 

Sein Experimentieren mit neuen Klängen ging in Richtung EDM und das Rockstar-Dasein Mozarts und Wagners setzen mittlerweile eben genau dieses um. Was zurückbleibt, ist zwar schön, aber eben genau das: “Entkernt”.

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Uuuuund cut! Das Problemfeld ist abgesteckt. In Teil 2 beschäftigt sich Mathias dann mit Schuldzuweisungen, die wie das Gendersternchen in viele, aber nicht alle Richtungen zeigen.

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden. Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz. War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement in LU, jetzt MA) der Ernst des Lebens beginnt.

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4 Antworten

  1. kunstfeler sagt:

    zu wenig neue Musik und so, bin völlig dabei. Aber die Grafik ist, sorry, bisschen hanebüchen… 2 Monate ist ein zu enger Fokus, um wirklich aussagekräftig zu sein. Genau so könnte man ja „immerhin mehr neue Musik als Barock!“ sagen. Jammert ja auch keiner drüber. Letztenendes sind das nunman keine Barockorchester und ihr Schwerpunkt liegt auf den beiden Säulen in der Mitte. Neukompositionen und Werke der jüngeren Gegenwart haben nämlich noch ein anderes „Problem“: Sie kosten Geld. Mehr Gema, verschiedenste Aufführungsgebühren noch dazu, am Ende noch Honorar für den Komponisten. Das sei ihm völlig gegönnt, nicht dass ich da falsch verstanden werde! Aber auch diese Orchester, die sich’s vielleicht eher leisten könnten, werden nicht jedes Konzert eine Auftragskomposition/zeitgenössische Komposition hinzunehmen. Zumal es ja schon andere Tendenzen gibt: Orchester, die einen „Composer in Residence“ oder eine Konzertreihe, die dezidiert andere Hörgewohnheiten anspricht, haben (da zählt übrigens auch das Gewandhaus dazu). Ich sehe da wenig Entkernung, ich sehe sogar einen Trend dagegen. Der dauert eben bei einigen länger als bei anderen.

    Und dann noch was total subjektives: Einige denken ja wirklich, dass man zeitgenössischen Kompositionen auf Teufel komm raus ne Chance geben muss. Kann sein – muss aber nicht. Einige sind nämlich auch einfach mal kacke.

    • Holger Kurtz sagt:

      Vielen Dank für dein Kommentar! Gute Punkte.

    • Mathias sagt:

      Hey, vielen dank für deinen Kommentar.

      Zur Grafik. Sicherlich hätte man eine breiteren Fokus nehmen können. Ich denke trotzdem dass es nicht komplett umaussagekräftig ist. Dass diese Orchester auch anderes machen ist klar, aber ich beziehe mich ja ausdrücklich auf das Reguläre Programm. Heisst die Konzerte die sich grob gesagt der „ganzen“ breiten klassischen Musik widmen wollen. Und zu wenig Barock, klar könnte das ein Barockliebhaber anprangern. Aber das wäre ein Thema für einen anderen Artikel. Hier geht es ja spezifisch um die Bedeutungslosigkeit in der die Klassik versinkt aufgrund ihrer Unaktualität (what a word). Ich glaube meine Intention die ich hier hatte wird sehr viel deutlicher wenn nächste Woche Teil 2 kommt!

      Gema als Argument gilt finde ich nicht, da Tantiemen in Dt. bis 70 Jahre nach dem Tod des Komponisten anfallen. Heisst darunter fallen auch gerade noch Strauss, Orff etc. Also Komponisten die durchaus oft gespielt werden. Gerade bei Orff gehen auch horrende Aufführungsgebühren an die Stiftung! (zumindest noch ein paar Jahre). Uraufführungsgebühren der Verlage ist hingegen schon ein Thema. Schott nimmt da relativ viel z.B.

      GEMA ist allerdings ein genereller Punkt den ich da interessant finde. Sogenannte „Ernste Musik“ kostet ja deutlich mehr GEMA als „U-Musik“. Kann man dann der GEMA eine Schuld daran geben, dass so wenig neues aufgeführt wird? Wenn doch in anderen Musikrichtungen jeder kleine Club (meckernd) GEMA bezahlt.

      Bzgl des Trends. Mag sein dass da etwas anfängt. Aber oft geht das Hand in Hand mit der Entkernung. (Sonderhiphopkonzerte einiger Orchester, unzählige Filmusikaufführungen… etc. ) Das hat für mich eher den Charakter von so einer Lokalkunstausstellung auf dem Marktplatz von Bottrop-Nord.

      Zum letzten subjektiven Punkt. 1000& deiner Meinung. Unglaublich viel Rotz dabei. Möchte ich auch absolut nicht mehr davon. Dass es da aber auch vieles gibt was neu komponiert ist und hierzulande einfach ignoriert wird weil es offenbar zu „schön“ klingt darauf gehe ich dann in Teil 2 ein 🙂

    • kunstfeler sagt:

      „um die Bedeutungslosigkeit in der die Klassik versinkt aufgrund ihrer Unaktualität“ – große Worte… mit denen so ein bisschen impliziert wird, dass Aktualität ein Kriterium für Bedeutung ist? Mit der Erklärung müsste man aber ganz schön mit dem Drahtbesen durch die Kulturlandschaft fegen…

      „Gerade bei Orff gehen auch horrende Aufführungsgebühren an die Stiftung!“ Argument. Aber: Mit bekannten, wenn auch noch nicht so lange toten Komponisten erziele ich dennoch höhere Einnahmen, weil sie einem breiteren Publikum bekannt sind.

      „Kann man dann der GEMA eine Schuld daran geben, dass so wenig neues aufgeführt wird?“ Nö. Nicht zwangsläufig, würde ich sagen. Es ist in meinen Augen nur ein bei der Argumentation zu berücksichtigender Punkt.

      „Bzgl des Trends. Mag sein dass da etwas anfängt. Aber oft geht das Hand in Hand mit der Entkernung. (Sonderhiphopkonzerte einiger Orchester, unzählige Filmusikaufführungen… etc. ) Das hat für mich eher den Charakter von so einer Lokalkunstausstellung auf dem Marktplatz von Bottrop-Nord. “ Da hast du mich missverstanden. Ich meine hier nicht Konstruktionen wie „Die Muggentruppe xy spielt den Fluch der Karibik Live zur Leinwandbegleitung“, sondern ernstzunehmende Behandlung neuer Musik. Die Composer in Residence, die verschiedene Orchester haben, sind gestandene Meister ihres Faches, die nicht einfach ihre künstlerischen Ansprüche für einen schnellen Effekt hergeben. Letztendlich haben auch die Orchester einen Namen zu verlieren, den sie eigentlich lieber behalten wöllten.

      Aber wirtschaftlicher Erfolg ist ein Punkt, der nicht nur mit Kosten zutun hat: Auch die Einnahmenseite muss stimmen. Und wenn das eben bedeutet, neue Musik in kleinere Ensemble „auszugliedern“, damit sie in entsprechende Veranstaltungsformate eingepasst werden kann, dann dient das wohl der Verbreitung neuer Musik, wenngleich vielleicht nicht auf den ersten Blick im orchestralen Raum. Eventuell muss die Basis und Akzeptanz dafür eben erst geschaffen werden. Und da komme ich noch mal zur Statistik von oben: Ich kenne aus dem laufenden Konzertbetrieb die Problematik, „schwierige“ Werke in Abo-Konzerten unterzubringen. Sonderkonzerte aus der Statistik auszugrenzen bedeutet eben auch, einen Teil des Orchesterschaffens auszublenden und statistische Werte somit zu verfälschen. Wenn ich beispielsweise die Sächsische Staatskapelle Dresden mit hinzuziehe, sehen die Werte auf einmal ganz anders aus. Und schaue ich da zusätzlich noch auf die Sonderkonzerte, springt der Balken „Moderne“ mal ganz locker nach oben. Und schaue ich in einen anderen Zeitraum, fliegen mir die Stücke grad so um die Ohren: Die letzte Saison war sehr Gubaidulina-lastig, ich erinnere mich auch gut an eine Henze-Saison… Schaut man zum Beispiel auf die Programme des MDR Sinfonieorchester, sieht es nochmal anders aus. Ich traue keinen Statistiken, seit ich weiß, wie sie zu fälschen sind 😉

      Noch mal: Es wird ikonische Werke noch lebender Komponisten geben, die auch über ihren Tod hinaus ihren Platz in den Spielplänen halten werden. Da gibt es in der jüngeren Vergangenheit eine Menge Beispiele für!

      Wie sieht’s denn mit der Wandlung dieses Konzertwesens aus? Seit wann ist es denn so, dass tradierte Stücke den Vorzug gegenüber unbekannteren bekommen? Mich deucht, das hat Tradition…

      Zudem noch eins: Laut der allgemein bekannten Allensbach-Studie sind Konzertgänger gut ausgebildet, wohlhabend – und jung. Hä? Ja, jung. aber nur bis sie Kinder kriegen. Dann gibt’s das, was man genau so als Geburtenknick bezeichnen könnte; Eltern mit kleinen Kindern gehen weniger ins Konzert. Und so kommt es, dass ein nicht unmaßgeblich großer teil des Konzertpublikums über 60 ist – das gute, alte Abopublikum. Wie sollte man die an ihren tradierten Hörgewohnheiten vorbei so umgewöhnen? Junges Publikum ist flexibel, es sucht sich seine Konzerte selber raus, nimmt auch gern Sonderkonzerte und kleinere Ensemble an, fährt auch gern eine Strecke. Alles Dinge, die ein Abo-Publikum tendenziell eher nicht macht. (Und jetzt kommt noch mal das mit den „untersuchten“ regulären Konzerten…)

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