All Künstlers are berufsunfähig

Music is opium
Speech (1979)

Falls die Konzerte weiter ausbleiben, der Kapitalismus aber nicht: Was passiert dann mit all den Musiker*innen?

Seit Mitte März befinden sich die Musiker*innen, vor allem die freiberuflichen, in einer prekären Situation. Großveranstaltungen müssen stillstehen, auch die liebenswürdig ranzig-kleinen Clubs und Kneipen bleiben bis zur noch zu terminierenden Zwangsimpfung eher auf dem Zuschauerzahllevel von Neue-Musik-Abenden. Was aber, wenn Bill Gates nie das versprochene Corona-Gegengift entdeckt?

Die ersten Konsequenzen waren die von Bund und Länder versprochenen Unterstützungsgelder. Diese sind aber bisher weder ausreichend, noch nehmen sie wirklich auf individuelle Situationen Rücksicht. Und selbst wenn: Der Staat will die Musiker*innen nur wenige Monate auf seiner Tasche sitzen sehen, bestenfalls ehe sich diese angeblich Schutzbedürftigen mit Luxus-Smartphones blicken lassen, sich kritisch äußern oder gar ihre Familien nachhol- äh ernähren wollen.

Ich frage mich: Wenn die Konzerte abgeschafft sind, der Kapitalismus jedoch nicht, in welche Branchen kann man Ex-Künstler*innen überhaupt noch reinlassen? Schließlich ist der Anteil an skurrilen Persönlichkeiten mit teilweise problematischen Mindset in dieser Berufsgruppe überdurchschnittlich hoch.

Wohin also mit den über 97890797 (hier einfügen wie viele Berufsmusiker*innen es hier eigentlich gibt) Menschen, die dann keine Jobs mehr haben? Einfach in neue Berufe stecken? Welche Bereiche der Arbeitswelt wären geeignet?

Keine Machtpositionen für Ex-Dirigenten

Soziale Arbeit schon mal nicht. Das Problem löst sich nicht dadurch, dass man Frack gegen Birkenstocks und Leinenhosen umtauscht. Ob Behörden, Lehrer*innen, Justiz, Politik, Ärzt*innen oder Sicherheitskräfte: Machtpositionen gegenüber anderen Menschen kommen nicht infrage. Gerade Orchestermusiker*innen sind es gewohnt sich an strenge Vorgaben von Noten und Dirigat zu halten – man möchte sich gar nicht vorstellen, wie sie demokratische Ideale von Selbstbestimmung und Autonomie beispielsweise an junge Schulklassen weitergeben sollen.

Für Manager*innen werden oft Seminare in Kooperation mit Dirigent*innen angeboten, um von deren Führungsstil zu lernen. Die beiden Berufsfelder haben Überschneidungen, gerade was die nicht existenten Frauenquoten oder die Umweltbelastung durch überbewertete Reisen angeht. Doch wofür soll die geniefixierte Autokratie eines GMD Vorbild sein? Einen Daniel Barenboim möchte man nicht an der Spitze eines Fleischkonzernes sehen, einen Christian Thielemann nicht im Landtag.

Einfache Tätigkeiten wie Bauarbeiten? Die Städte waren ja schon immer überfüllt von überambitionierten Straßenmusiker*innen, aber einen testosterongeladenen Trompeter in dem Glauben, jedes noch so laute Geräusch, das er erzeuge, sei Kunst, möchte niemand mit Presslufthammer vor der Haustür haben. Dienstleistungen wäre naheliegend, doch wer geht schon wiederholt zu Friseur oder Handwerkerin, die ohne Applaus nach (und auch vor) vollzogener Arbeit beleidigt abtritt?

Erfolgreiche Künstler*innen sind nicht gewohnt, für ihr Handeln mit Konsequenzen rechnen zu müssen. Wer trotz Missbrauchsverurteilungen, Rassismus, Antisemitismus und sonstigen Entgleisungen noch gewaltige Anerkennung und Rückhalt genießt, ist nicht geeignet für die echte Welt da draußen.

Spontan fällt mir nur eine geeignete Option ein: die Polizei. Der politische Rückhalt, den Musiker*innen jetzt gerade keiner entgegen bringt, scheint gottgegeben, die steilen Hierarchien sind gewohnt, unter weißen Männern bleibt man wie im Konzertbetrieb von überzogener Diversity verschont, jede Handlung bleibt konsequenzlos, eine lächerliche Uniform ersetzt die andere und das Martinshorn hat mehr Semantik und Tiefgang als jede Bruckner-Apotheose. Tatüta-tatata-taaa.

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