Ein Geständni💤

Ich schlafe bei klassischen Konzerten ein.
Und in der Oper.

Also… natürlich völlig ungeplant. Ich erstelle vorher keine Erinnerung im Handy: „Kuscheltier mitnehmen.“ Es passiert einfach so. Aber nicht gegen Ende, wegen (künstlerischer) Überanstrengung. Sondern gleich zu Beginn.

„Die Dorminante löst sich im Schlaf auf“

Etwa nach ein paar Takten des zweiten, meist ruhigen Satzes einer Sinfonie. Oder nach der Opernouvertüre, wenn erst detailliert und gesanglich ausufernd das Was bisher geschah ausgebreitet wird. Genau dann erwischt es mich öfters: Ich rutsche etwas tiefer in meinem Stuhl, Arm auf die Armlehne und parke dann den Kopf in der Handfläche (Profitipp: Das wirkt nachdenklich). Oder falls es denn einmal Sitzgelegenheiten mit Kopfstütze sind (hallelujah!), lehne ich mich einfach dekadent nach hinten – Ohrensessel wären ja mein Highlight im Theater!

Und dann „tiefenentspanne“ ich erstmal eine Runde. Daraus kann dösen werden und manchmal auch ein kurzes Nickerchen. Aber nicht so mit schnarchen und sabbern und wirrem Zeug reden (Anm. d. Red.: Der Autor hört sich im Schlaf scheinbar selbst nicht schnarchen, sabbern und wirres Zeug reden). Ich kann das ganz unauffällig (Anm. d. Red.: Die Redaktion widerspricht dieser Aussage)… bis zum unvermeidlichen Schlusspunkt des Ganzen: Wenn der Körper zu arg entspannt und man ganz kurz zur Seite sackt und – schwupp – ist man wieder wach. Oder „wach“, und das ganze Procedere nimmt erneut seinen Lauf. Ich vermute, dass ich maximal fĂĽnf, zehn Minuten eines Abends so verpasse. Nicht immer, aber doch so häufig, dass ich jetzt darĂĽber schreibe.

Ich habe es schon oft mit Kaffee oder Cola vor dem Konzert versucht, aber Koffein und Zucker wirken erst in der Pause (und in Kombination mit dem vorangegangenen Schläfchen). Ein Powernap in der ersten Konzerthälfte kann wahre Wunder bewirken; danach fühle ich mich tatsächlich in der Musik, in der Handlung angekommen; der laute hektische Alltag ist nun endlich ausgeblendet, die Gedanken können sich auf das Bühnengeschehen fokussieren.

Così fan razzi

Aber – und das soll jetzt nicht zu defensiv klingen, sondern eher verständnisvoll: Alle tun es. Senioren, junge Menschen, Musikliebhaber, (fast) Ahnungslose, andere Leute aus dem Orchestermanagment, Intendanten, selbst Kulturpolitiker hoch bis zum Staatssekretär habe ich bereits mit geschlossenen Augen erwischt. Und glaubt mir: nicht, um sich besser auf die Musik konzentrieren zu können.
Aber niemand spricht gern darüber. Kein gutes Pausenthema, selbst wenn ich den ersten Schritt mache. Allen scheint es unangenehm. Wie ein Damoklesschwert hängt der Vorwurf in der Luft:

„Das kann man doch nicht machen! Die Künstler*innen geben ihr Bestes, und das ist dann der Dank dafür?!“

Obwohl längst erwiesen ist, dass es sich positiv auf Produktivität, Konzentration etc. auswirkt, sind Zwischendurch-Nickerchen nicht akzeptiert in unserer Kultur (im doppelten Sinne). Es ist verpönt, gilt als Zeichen von Schwäche und Unhöflichkeit. Schade eigentlich.
Unsere Ausflüge ins Traumland sind keinesfalls abschätzig gemeint. Im Gegenteil, unsere Rechnung ist vielmehr: Lieber kurz etwas verpassen und den Rest intensiv miterleben statt mit Augen und Gehirn auf Halbmast die Vorstellung nicht genießen zu können.

Und so leben wir im „Sleepoper Club” (Verein in Gründung) in ständiger Angst, erwischt zu werden. Unterdrückt von einer schweigenden, aber wachen Mehrheit. Und das will ich hiermit ändern: Ich bekenne mich dazu – aus freien Stücken und völliger Überzeugung:

 

„Ich bin Kulturschläfer... und das ist auch gut so.“ #sleepoperclub Klick um zu Tweeten

 

Es gibt viele (gute) Gründe fürs kurze Augenschließen: Ein langer, hektischer Arbeitstag wird krass ausgebremst von der friedlichen Ruhe und dem Dämmerlicht im Saal. Als Topping eine zu komplexe Handlung bzw. Überforderung beim ersten Hören eines Werkes. Und gaaanz manchmal auch: Langeweile.
Am besten ist: Ihr schlaft erst mal drĂĽber.

Philipp Krechlak

Intelligent, charmant, gut aussehend, sportlich, aber vor allem eins: bescheiden.
Exilschwabe, zunächst im Saarland, jetzt in der (Kur)pfalz.
War naiv genug zu glauben, dass mit dem Ende des Studiums (Wirtschaftsmathe in UL, Musikmanagement in SB) und dem Arbeitsalltag (Orchestermanagement in LU, jetzt MA) der Ernst des Lebens beginnt.

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