Sie sucht Sie*Ihn

‚Neue Musik‘, ’neue Musik‘, ‚Zeitgenössische Musik‘ oder wie man diese Musik nennen möchte, die irgendwie um Schönberg begann und sich heute irgendwo zwischen Einstürzenden Neubauten und Wolfgang Rihm bewegt, ist die Musik, die mich schon immer anzieht und in der ich mich wohl und zu Hause fühle. Ich hatte kein Schlüsselerlebnis und sie musste nicht aus dem Giftschrank geholt werden. Natürlich spielte ich im Klavierunterricht auch erstmal Europäische Klavierschule, Bach, Chopin, Debussy, Scott Joplin und Co. Trotzdem würde man meine ersten und (einzigen) „Kompositions“-Versuche, wenn man sie einordnen wollte, wohl irgendwo in frühe „Neue Musik“ verorten können – Schrott wäre die andere Kategorie. Eine schlüssige Erklärung habe ich dafür nicht. Klänge ohne analysierbare, romantische Harmonik waren das, was aus mir raus kam. Ob ich abschrieb oder das die konsequente Schlussfolgerung aus zu viel Chopin war, vermag ich nicht mehr sagen. Spätestens als dann Cage und Satie im Klavierunterricht auf dem Pult standen, hatte ich mein wahres Glück gefunden. Mein Lehrer und ich teilten die Begeisterung für die erste Hälfte des 20. Jahrhundert und taten von da an nichts anderes mehr. (Dass aus mir keine Pianistin werden würde und ich deshalb kein “Standard”repertoire brauchte, war früh absehbar). Einen Begriff dafür, was ich da spielte und hörte, hatte ich nicht. Keinen Diskurs, keine Erklärung. In meiner Kulturwissenschaften&Ästhetische-Praxis-Aufnahmeprüfung spielte ich: Cage, Satie und Tschaikowsky (gefordert waren drei verschiedene Epochen und das waren für mich drei Epochen). Prüfer: der Professor für Szenische Musik, ergo der Dude für das 20. und 21. Jahrhundert. Und da sage noch jemand, es gebe kein Schicksal. Ich wurde an der Uni angenommen und belegte so viel wie möglich bei diesem besagten Professor und hatte endlich Begriffe und Namen.

Lange Vorrede (musik – mit allem und viel scharf zahlt je Zeichen) aber nun komme ich zum Punkt:

„Höhepunkt“ an Intimität zwischen mir und neuer Musik war meine Masterarbeit über Peter Pears, Benjamin Britten, John Cage und Merce Cunningham. Für fünf Monate (nagut…vielleicht eher drei Monate) gab es für mich nur deren Musik und Kunst. – Ich gestehe es gab auch SDP, Westernhagen, Olli Schulz und Bernd Begemann heimlich in verzweifelten Schreibverweigerungsnächten. – Doch der Tag kam und ich musste aus meinem Elfenbeinturm (billige Wohnung im 4. OG in Linden Süd) raus und mit Philipp zum Heidelberger Frühling. Da saß ich dann im Heidelberger Theater, das um 1853 gebaut wurde, und so wirkt, als hätte man seitdem nur Konservierungsmaßnahmen aber bloß keine Veränderungen vorgenommen, elektrisches Licht und WC mal ausgenommen. Ein Mann trat auf die Bühne, setzte sich an den Flügel  und spielte romantische Klaviermusik als Auftakt für ein Melodramprogramm. Wie ein Schlag in die Fresse überfiel mich diese Musik. Ich fühlte mich völlig falsch. Nach wochenlangem Brittenopernhören, was ja echt kein neuer, krasser Scheiß ist, fühlte ich mich wie in einem Museum: nett anzuschauen, aber vergangen und teils kitschig. Es war auch nicht das erste Mal, dass ich Musik von vor 1900 hörte. Aber dieses Mal war es verstörend wie nie. Ich war scheinbar die einzige im Raum, der es so erging. Keine drei Wochen später hörte ich mir Liszt-Etüden an. Schon wieder. Nicht ganz so kalt, dennoch überraschend: diese Musik aus einer fremden Welt und fernen Zeiten. Ich möchte nicht meckern. Nichts feststellen. Ich frage mich nur: Gibt es da draußen noch jemanden, dem es so geht? Meld dich doch mal: Sie, Mitte zwanzig, blond, mit Twitter- und Neuer Musik-Vorliebe sucht Ihn*Sie.

Juana Zimmermann

Geisteswissenschaftlerin im höheren Semester und Schwiegermutterliebling, selbst wenn es an Söhnen mangelt. Hasst netzfreie Zone, Menschen, die dafür kein Verständnis haben, Brokkoli, Brokkoli-Liebhaber, Opernbesuche, Operngänger, alles zwischen 6 und 11 Uhr vormittags, Leute, die meckern ... und vor allem Menschen per se. Kam zum Blog, als sie sich über die “Beschissenheit” der mobilen Blogversion beschwerte.

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2 Antworten

  1. DanielaKayB sagt:

    Ich habe bis vor kurzem nicht viel mit neuer Musik anfangen können. Das mag daran liegen, dass ich sie auch immer irgendwie direkt aus dem Giftschrank gereicht bekommen habe, sowohl während des Musikunterrichts in der Schule als auch in Konzerten (in dem berühmten „Klassik/Neue Musik/Klassik“-Sandwich).

    Ich werde mittlerweile den Eindruck nicht los, dass Neue Musik, die unter diesen Umständen vorgetragen wird, immer das Krasseste ist, was man grade finden konnte, während es durchaus auch gemäßigtere Stile gibt.

    Seit etwas über einem Jahr nehme ich auf meine alten Tage Blockflötenunterricht (ja, lacht nicht) bei einer Vertreterin der Neuen Musik. Und während wir im Unterricht hauptsächlich Klassik machen, bin ich u.a. über ihre Konzerte und über die Blockflöten-Abteilung von Spotify doch noch bei der Neuen Musik gelandet 🙂

    Persönlich bin ich immer noch kein Fan von dem ganz Dissonanten und Unberechenbaren, aber ich freue mich zum Beispiel wie dumm auf den Tag, an dem ich Edwin York Bowens Sonatina Op 121 spielen können werde.

    • Juana Zimmermann sagt:

      Ich finde deine Geschichte klingt nach dem besten Zugang zu unbekannter Musik, den man haben kann: Neugierde. Und eben nicht Giftschrank.

      Beethoven und 21. Jahrhundert zu spielen ist ja erstmal immer Kontrast. Ich versteht auch hinter vielen Konzertprogrammen das Konzept nicht. Da gibt es super Konzerte und als letztes Stück spielt man aber doch noch nen willkürlichen Beethoven, damit die Abonnenten nicht fern bleiben. Und ich stimme dem voll zu, es gibt auch ganz Leises und Feines in der Neuen Musik, sogar mit einem konsonaten Schluss, der einen friedlich entlässt. Ich hab mal ein Kammerkonzert gehört, in dem ein Pianist abwechselnd einen Satz Beethoven und einen Satz Schönberg gespielt hat. Das passte wieder fantastisch. Denn es war die Verbindung und Gegenüberstellung von 1. und 2. Wiener Schule. Der Pianist hatte es sich genau durchdacht. Das war toll.

      Neue Musik ist aber auch eine Musik, in die man sich reinhören muss – wie jede Musik. Rock, Metal oder Pop klingt auf den ersten Klang auch erstmal sehr gleich. Doch um so mehr man hört, desto mehr Unterschiede und Nunancen nimmt man wahr. Diese Chance bekommt Neue Musik nur leider oft nicht.

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